Fairness und Nachhaltigkeit gehören zusammen

Fairness und Nachhaltigkeit gehören zusammen

Autor: Dr. Stefan Flückiger, Präsident Faire Märkte Schweiz 

Faire Märkte Schweiz hat am 17. November 2024 die Systemanalyse «Wettbewerbsverzerrungen und mangelhafte Transparenz im Markt für landwirtschaftliche Vorleistungen – am Beispiel von Dünger und Pflanzenschutzmitteln» mit entsprechender Medienmitteilung publiziert. Damit erweitert sie ihr Analysespektrum auf die gesamte Wertschöpfungskette, also auch auf die der Landwirtschaft vorgelagerten Märkte. Grund dafür ist, dass sich schon mehrfach Produzentinnen und Produzenten wegen überhöhten Preisen bei Dünger, Pflanzenschutzmittel, Futtermittel oder Saatgut gemeldet haben. Vergleichsstudien zeigen deutliche Preisdifferenzen zum Ausland. Auch innerhalb der Schweiz bestehen starke regionale Preisunterschiede und wenig Transparenz im Vorleistungsmarkt. Die Marktbeobachtung des BLW erhebt dazu wenig Daten. 

In diesem Blogbeitrag wird spezifisch der Frage nachgegangen, ob tiefere Preise bei landwirtschaftlichen Produktionsmitteln einen Umwelteffekt haben.

Preisentwicklungen zu Ungunsten der Lebensmittelproduktion:

  • Preise landwirtschaftlicher Vorleistungen: Der Preisindex für landwirtschaftliche Produktionsmittel zeigt seit über 20 Jahren eine deutliche Aufwärtstendenz. Ausserdem sind die Preise nach Corona nicht mehr auf das Vor-Corona-Niveau gefallen, sondern deutlich höher geblieben. Je nach Produkt bezahlen Schweizer Landwirtinnen und Landwirte bei Dünger und Pflanzschutzmittel bis zu 70% mehr als Produzenten in benachbarten Ländern. 
  • Entwicklung Kosten/Preise in der Landwirtschaft: Auch im Vergleich zu den Produktpreisen auf Stufe Landwirtschaft sind die Preise für die Produktionsmittel in den letzten Jahren deutlich stärker gestiegen. Deshalb kommt das landwirtschaftliche Einkommen immer mehr unter Druck. Ausgehend von den Bauernprotesten Anfang 2024 wird eine Erhöhung der Produzentenpreise von 5-10 % gefordert, was in diesem Jahr bei weitem nicht erreicht werden konnte. 
  • Einsparpotenzial für die Landwirtschaft: Tiefere Vorleistungspreise würden beim Einkommen eine gewisse Entlastung bringen. Würde beispielsweise die Preisdifferenz beim Dünger und den Pflanzenschutzmitteln gegenüber den benachbarten Ländern um 20 bis 30% reduziert, hätte dies eine Entlastung von schätzungsweise 20 bis 30 Mio. Franken zur Folge. 

Effekte für das Einkommen – und für die Umwelt?

Auf der Basis der strategischen Ziele von FMS sind wir nicht nur verpflichtet, uns für faire Märkte und eine Preisbildung einzusetzen, in der überhöhte Konsumentenpreise (oder Preise landwirtschaftlicher Vorleistungen) vermieden und angemessene Produzentenpreise bezahlt werden. Ebenso verfolgen wir als Ziel, den Wandel hin zu nachhaltigen und tiergerechten Ernährungssystemen voranzubringen und somit die nachhaltige Produktion zu fördern. Weil sich unfaire Handelspraktiken oder entsprechende Wettbewerbsverzerrungen in der Regel auch schädlich auf diesen Wandel Richtung Nachhaltigkeit auswirken, sehen wir starke Synergien zwischen unseren Zielen, indem wir mit faireren Märkten auch das Wohlergehen von Mensch, Tier und Umwelt fördern können.

Nun ist Faire Märkte Schweiz mit der Kritik konfrontiert worden, dass mit den neuen Aktivitäten für fairere (tiefere) Produktionsmittelpreise auch der Einsatz dieser Stoffe in der Landwirtschaft angekurbelt wird, was negative Effekte auf die Umwelt zur Folge haben könnte.

Faire Märkte Schweiz kann diese Befürchtungen wie folgt entkräften:

  • Umwelteffekt: Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produktionsmitteln lässt sich mit der Preiselastizität bestimmen. Die Literatur zeigt, die Elastizität der Nachfrage für landwirtschaftliche Inputs ist in der Regel unelastisch und somit nicht gross. Kurzfristig ist sie sogar sehr unelastisch, weil der Verbrauch von anderen Faktoren abhängt (Wetter, Produktionstechnik). Das bedeutet, dass tiefere Preise bei Pflanzenschutzmitteln und Dünger kaum zu Mehrverbrauch führen werden.
  • Weniger Mittelabfluss aus Lebensmittelproduktion: Hingegen ist die Wirkung der Preise auf die Einkommen der Produzenten deutlich grösser. Gesamthaft wird für Dünger 228 Mio. und für Pflanzenschutzmittel 90 Mio. Franken ausgegeben. Weil die Vorleistungsmärkte stark von marktbeherrschenden Unternehmungen dominiert werden (Bayer, Syngenta, Fenaco etc.), sieht FMS grossen Handlungsbedarf. Mit mehr Transparenz können unerwünschte Rentenbildungen und ineffiziente Preissysteme aufgedeckt werden, wodurch die Landwirtschaft jährlich mit 20 bis 30 Mio. Franken profitieren könnte.
  • Neue Massnahmen nicht auf Basis unfairer Preise: Obwohl die umweltpolitische Betrachtung nicht Ziel der Systemanalyse war, schaffen unsere Forderungen mehr Spielraum für politische Massnahmen mit geringeren Auswirkungen für die Landwirtschaft. Wenn über die Agrarpolitik weiter Produktionsmittel eingespart werden bzw. ihre Preise über Lenkungsabgaben verteuert werden müssen, dann soll dies nicht auf der Basis von überhöhten Preisen und ungerechtfertigten Renten marktmächtiger Unternehmungen stattfinden. 

Fazit

Schweizer Landwirtinnen und Landwirte bezahlen für die Produktionsmittel deutlich höhere Preise als ihre Kollegen in benachbarten Ländern, was zu einer erheblichen Belastung für die landwirtschaftlichen Einkommen führt. Faire Märkte Schweiz fordert mehr Markttransparenz und eine deutliche Reduktion dieser Preisdifferenzen. Die geplante Einführung einer Transparenz-Plattform soll dabei helfen, Preisdifferenzen sichtbar zu machen und Kosten in zweistelliger Millionenhöhe zu sparen. Tiefere Produktionsmittelpreise bieten wenig Anreize für einen zusätzlichen Einsatz, weil Landwirtinnen und Landwirte kaum auf tiefere Preise reagieren (unelastische Nachfrage). Die ungerechtfertigten Renten, die den Produktionsmittelproduzenten und -händlern zugute kommen, sollen nicht aus der Landwirtschaft abfliessen und die Bäuerinnen und Bauern einkommensmässig entlasten. 

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