Richtpreisverhandlungen, Sommersession & lokale Wirtschaftskreisläufe: FMS-Monatsbericht Juni
Der Juni hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig faire Marktstrukturen und Rahmenbedingungen für den Wandel hin zu einer nachhaltigen Schweiz sind. Dies zeigte sich besonders bei den Richtpreisverhandlungen für Brotgetreide: Obwohl aktuelle Vollkostenberechnungen der Fachhochschule Nordwestschweiz mit Daten der Agroscope belegen, dass die Produzentenpreise bereits heute nicht fair und kostendeckend sind, wurden die Richtpreise gesenkt. Damit wächst die Lücke zwischen Produktionskosten und Einkommen weiter mit Folgen für die Produktion und die Gesamtbevölkerung.
Auch die Sommersession des Parlaments setzte wichtige Akzente. Erfreulich ist die Überweisung der Motion von Ständerätin Maya Graf zur Stärkung der Direktvermarktung und kurzer Vertriebswege in die Agrarpolitik 2030+. Weniger positiv verlief die Debatte zum Mercosur-Abkommen: Wichtige Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit und fairen Wettbewerbsbedingungen fanden im Nationalrat keine Mehrheit. Nun ist der Ständerat gefordert.
Dass faire Märkte möglich sind, zeigen positive Beispiele. Die Stadt Genf wurde mit dem «lokal+fair»-Award ausgezeichnet und beweist, wie Städte regionale Wertschöpfung, nachhaltige Beschaffung und Ernährungspolitik erfolgreich verbinden können. Ebenso setzt die Genossenschaft VERD neue Impulse für einen Zahlungsverkehr, der Wertschöpfung in den Regionen hält und dem Gemeinwohl dient.
Im Fokus
Richtpreissenkungen beim Brotgetreide: FMS warnt vor den Folgen
Vor den Richtpreisverhandlungen für Brotgetreide Mitte Monat hatte FMS vor Preissenkungen gewarnt. Inzwischen haben sich die Branchenpartner auf einen Kompromiss geeinigt: Die durchschnittlichen Richtpreise für Brotgetreide sinken um rund 2.50 Franken pro Dezitonne.
Dabei zeigten neue Vollkostenberechnungen der Fachhochschule Nordwestschweiz auf Basis von Agroscope-Daten bereits vor den Verhandlungen, dass die Produzentenpreise unter einem fairen und kostendeckenden Niveau liegen. Zwischen 2016 und 2023 erzielten Weizenproduzenten durchschnittlich rund 50 Franken pro Dezitonne. Für ein angemessenes Einkommen gemäss Landwirtschaftsgesetz wären jedoch rund 54 Franken erforderlich. Unter Einbezug der Produktionsrisiken wie wetterbedingte Ertragsschwankungen ergibt sich sogar ein kostendeckender Preis von rund 60 Franken pro Dezitonne (siehe Artikel Schweizer Bauer und Artikel Bauern Zeitung).
Hinzu kommt, dass die effektiv ausbezahlten Produzentenpreise zwischen 2016 und 2023 durchschnittlich rund 2 Franken pro Dezitonne unter den jeweiligen Richtpreisen lagen. Mit der aktuellen Senkung vergrössert sich die Lücke weiter. Ein angemessenes Einkommen kann damit nicht erreicht werden, und auch die unternehmerischen Risiken der landwirtschaftlichen Produktion bleiben weiterhin ungenügend abgegolten. Die neuen Vollkostenberechnungen zeigen somit klar, dass eine Diskussion über faire, transparente und vollkostendeckende Produzentenpreise dringend notwendig ist.
Kurzmeldungen
Sessionsrückblick Sommersession
Sehr erfreulich war die diskussionslose Überweisung der Motion Stärkung der Direktvermarktung und kurzen Betriebswege in die AP 2030 plus aufnehmen von Ständerätin Maya Graf (Grüne BL). Die Motion war im Eiltempo in den Rat gekommen (Eingabe in Frühlingssession 2026) und wird nun in der Botschaft für die Agrarpolitik 2030+ aufgenommen, die im Herbst erscheinen wird. Weniger positiv war die Debatte im Nationalrat zum Mercosurabkommen, wie dies die Position von FMS deutlich zum Ausdruck bringt. Mit der Ablehnung des Abkommens (96 zu 86 mit 9 Enthaltungen) blieben auch die Forderungen von FMS auf der Strecke. Zum einen die Forderungen im Inland mit höheren Kompensationszahlung für die Schweizer Landwirtschaft für zu erwartende Einkommensverluste. Zum anderen, weil die Nachhaltigkeits- und Fairnesskriterien in den Ursprungsländern keine Mehrheiten fanden. So wurde die Übernahme der EU-Entwaldungsverordnung abgelehnt, wie auch finanzielle Beiträge zur Abfederung der Auswirkungen des Abkommen auf Klima und die lokale Bevölkerung. Nun wird sich der Ständerat mit dem Abkommen befassen.
Mitgliederversammlung 2026 bei Menu and More
Die Mitgliederversammlung 2026 von Faire Märkte Schweiz bot Gelegenheit, auf ein ereignisreiches Geschäftsjahr zurückzublicken. Der Vorstand berichtete über die laufenden Projekte und Aktivitäten des Vereins. Bereits vor der Mitgliederversammlung fand die erste Beiratssitzung des aktuellen Jahres statt. Der Austausch mit den Mitgliedern des Beirats lieferte wertvolle Impulse für die weitere Arbeit von Faire Märkte Schweiz. Ein Rückblick in Videoform ist hier zu finden.
Gastgeber der diesjährigen Mitgliederversammlung war das Gemeinschaftsgastronomie-Unternehmen Menu and More AG. Die Teilnehmenden erhielten bei einer spannenden Führung Einblick in die neuen Räumlichkeiten des FMS-Netzwerkpartners in Spreitenbach. Menu and More sorgt täglich für eine ausgewogene Ernährung von Kindern und Jugendlichen und legt grossen Wert auf Nachhaltigkeit und eine verantwortungsvolle Beschaffung.
Beim anschliessenden Apéro blieb genügend Zeit für persönliche Gespräche und den Austausch zwischen Mitgliedern, Partnerorganisationen und Gästen.
VERD: Wenn Zahlungsströme lokalen Mehrwert schaffen
VERD ist eine Schweizer Genossenschaftsinitiative, die den Zahlungsverkehr mit Gemeinwohl verbindet. Kernstück ist die Bezahllösung VERD.cash: Statt dass ein grosser Teil der Kartengebühren an internationale Zahlungsdienstleister fliesst, werden die Gebühren für den Handel deutlich reduziert und ein Teil der Einnahmen in lokale Gemeindetöpfe zurückgeführt (durchschnittlich 0.6% Gebühren, wovon die Hälfte wieder an die Gemeinden zurückfliesst). Über deren Verwendung entscheidet die Bevölkerung demokratisch. Ziel von VERD ist es, Wertschöpfung in den Regionen zu halten, lokale Wirtschaftskreisläufe zu stärken und gesellschaftliches Engagement zu fördern. Die Genossenschaft versteht sich als Alternative zu profitorientierten Zahlungsmodellen und macht den Zahlungsverkehr transparenter, fairer und gemeinwohlorientierter. Jede in der Schweiz wohnhafte Person kann sich mit einem Genossenschaftsanteil beteiligen und mitbestimmen.
VERD greift somit zentrale Anliegen von Faire Märkte Schweiz auf: faire Marktbedingungen, die Stärkung lokaler Wertschöpfung, die Begrenzung von Marktmacht und die Förderung von Wirtschaftsmodellen, bei denen die erzielte Wertschöpfung möglichst in den Regionen und bei den Menschen vor Ort bleibt. VERD zeigt auf innovative Weise, wie Finanz- und Zahlungsströme im Interesse von Handel, Konsumierenden und Gemeinwesen neu gestaltet werden können.
Genf erhält «lokal+fair»-Award
Die Stadt Genf wurde von Faire Märkte Schweiz mit dem «lokal+fair»-Award ausgezeichnet. Damit würdigt FMS das langjährige Engagement der Stadt für regionale Lebensmittel, kurze Lieferketten und eine nachhaltige Ernährungspolitik (Bericht Schweizer Bauer und Mitteilung hier).
Mit dem Programm «Nourrir la Ville» verfolgt Genf einen umfassenden Ansatz, der regionale Landwirtschaft, Klimaschutz, nachhaltige öffentliche Beschaffung und lokale Wertschöpfung miteinander verbindet. Die Stadt fördert kurze Lieferketten, unterstützt zahlreiche Organisationen und Initiativen und setzt sich für eine stärkere Verankerung regionaler Lebensmittel in der öffentlichen Verpflegung ein.
Für FMS hat die Auszeichnung auch nationale Bedeutung. Mehr als drei Viertel der Schweizer Bevölkerung leben in städtischen Räumen. Entsprechend gross ist der Einfluss der Städte auf Nachfrage, Beschaffung und Konsumverhalten. Genf zeigt, wie Gemeinden und Städte aktiv zur Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe, zur Versorgungssicherheit und zu einer nachhaltigeren Ernährung beitragen können.

Von links nach rechts: Stefan Flückiger, Präsident Faire Märkte Schweiz – Justine Gaudard, Projektleiterin bei ma-terre – Léa Winter, Koordinatorin der Genfer Ernährungskasse (CALIM) und Mitglied des MAPC – Alfonso Gomez, Stadtrat (Departement Finanzen, Umwelt und Wohnen) Jade Canavesio, Gemüsebäuerin auf dem Bauernhof Budé François Lefort, Präsident von ma-terre, dem Haus für Ernährung und Landwirtschaft des Kantons Genf, Verantwortlicher für den Studienbereich Agronomie an HEPIA.
Treten Sie der FMS-Community bei
Treten Sie noch heute der FMS-Community bei und seien Sie so Teil einer gemeinsamen Vision. Mit Ihrer Spende tragen Sie bei zum Wohl von Mensch, Tier und Umwelt. IBAN CH87 0070 0114 8082 9030 6 oder online auf der FMS-Webseite.


