Hitzesommer, Brotmarkt & regionale Erfolge: FMS-Monatsbericht Juli
«Ich erinnere mich an den Hitzesommer vor 50 Jahren» , so FMS-Präsident Stefan Flückiger im aktuellen Monatsbericht. «Ich war 1976 in der landwirtschaftlichen Lehre und wir mussten im Baselbieter Jura dem Jungvieh Laub aus dem Wald verfüttern, weil die Weiden verdorrt waren. Und solche Ereignisse werden zukünftig häufiger und extremer eintreten und die landwirtschaftliche Produktion noch stärker fordern.
Ist unsere Arbeit bei Faire Märkte Schweiz von den extremen Wetterereignissen, etwa der Hitzeperiode vom Juni, betroffen? Ja – das zeigen nicht zuletzt die Meldungen auf unserer Meldestelle. Wetterextreme verschärfen die Risiken für Lebensmittelproduzenten durch Ertragseinbussen und Qualitätsprobleme. Umso befremdlicher ist es, dass bei verschiedenen Feldkulturen gerade jetzt der Preisdruck zunimmt. Deshalb greifen wir im Fokus das Thema Getreidepreise und Marktverzerrungen mit einer erneuten Intervention bei der WEKO auf. Ebenso ordnen wir die Positionen der Wirtschaft in der Mercosur-Debatte ein, die den besonderen Gesetzmässigkeiten der Landwirtschaft zu wenig Rechnung tragen. Erfreulicher sind die positiven Entwicklungen von lokal+fair in der Westschweiz.
Zu meinem Lesetipp vor der Sommerpause möchte ich euch dieses Mal das Buch von Nicole Egloff «Das Radiesli stimmt mich zuversichtlich» empfehlen. Das Buch zeigt das Potenzial einer Landwirtschaft, die dem Teufelskreis aus Marktversagen, Preisdruck und Wetterextreme kreative Lösungen entgegensetzt. Apropos Wetterextreme und Klimaveränderungen: Mich wird dieses Jahr das Buch «Klimatopf» von Franziska Stöckli und Christine Brombach in meinen Ferien begleiten. Ich werde mit Rezepten daraus experimentieren, wie sich Genuss, Gesundheit und Nachhaltigkeit leicht umsetzen lassen.»
Im Fokus
FMS informiert WEKO über aktuelle Entwicklungen im Brotmarkt
Faire Märkte Schweiz hat die Wettbewerbskommission (WEKO) über neue Entwicklungen informiert, die aus Sicht von FMS die wettbewerbsrechtlichen Bedenken im Getreide-, Mühlen- und Backwarenmarkt weiter erhärten.
Die mengengewichteten Durchschnittspreise für Brotgetreide wurden für die kommende Ernte um rund CHF 2.50 pro Dezitonne gesenkt. FMS hatte bereits im Vorfeld der Verhandlungen ausdrücklich vor einer Senkung der Richtpreise gewarnt. Neue Vollkostenberechnungen der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigen, dass die Produzentenpreise bereits heute unter einem kostendeckenden Niveau liegen. Gleichzeitig erschweren die starke Marktstellung weniger grosser Verarbeiter und Detailhändler sowie fehlende Markttransparenz faire Preisverhandlungen.
Kritisch beurteilt FMS auch die angekündigte Schliessung der Bio-Mühle Steiner in Zollbrück (BE) durch die Groupe Minoteries SA. Der auf Bio- und Demeter-Getreide spezialisierte Standort soll im ersten Halbjahr 2027 geschlossen werden. Für FMS ist dies ein weiteres Indiz für die zunehmende Konzentration im Schweizer Mühlenmarkt. Die Entwicklung reiht sich in ein seit Jahren beobachtetes Muster ein: Kleinere Mühlen werden übernommen, zunächst in Partnerschaften eingebunden und später als eigenständige Standorte aufgegeben. Dass für die Mühle offenbar keine wirtschaftlich sinnvolle Weiternutzung möglich ist und das Unternehmen deshalb Abschreibungen von rund drei Millionen Franken vornehmen muss, unterstreicht nach Ansicht von FMS die schwierigen Marktverhältnisse.
Vor diesem Hintergrund fordert FMS die WEKO erneut auf, die Wettbewerbsverhältnisse im Getreide-, Mühlen- und Backwarenmarkt im Rahmen einer sektorbezogenen Untersuchung vertieft zu prüfen.
Kurzmeldungen
Mercosur: FMS fordert faire Bedingungen für die Landwirtschaft
In der Sommersession hat der Nationalrat das Mercosur-Abkommen beraten. Faire Märkte Schweiz (FMS) hatte im Vorfeld verbindliche Begleitmassnahmen für die Schweizer Landwirtschaft, einen Ausgleich möglicher Einkommensverluste sowie verbindliche Nachhaltigkeits- und Fairnesskriterien für Importprodukte gefordert. Dass diese Anliegen im Parlament keine Mehrheit fanden, ist zu bedauern.
Für Diskussionen sorgten anschliessend die Aussagen von Ex-SVP Nationalrat und Unternehmer Peter Spuhler, der dem Bauernverband vorwarf, das Abkommen zu blockieren und überhöhte Kompensationen zu verlangen. FMS weist diese Kritik entschieden zurück. Die Landwirtschaft steht bereits heute unter massivem Druck durch die Marktmacht weniger grosser Verarbeiter und Detailhändler. Produzentinnen und Produzenten verfügen oft nicht über die Verhandlungsmacht, kostendeckende Preise durchzusetzen. Solange faire Wettbewerbsbedingungen fehlen, ist es aus Sicht von FMS legitim, dass die Landwirtschaft ihre Interessen wie hier beim Mercosur Abkommen auch auf politischem Weg konsequent vertritt.
Blick über die Landesgrenzen nach Österreich und Deutschland
Auch in unseren Nachbarländern stehen faire Wertschöpfung und transparente Märkte zunehmend im Fokus. In Österreich zeigt der neue Preisradar der Statistik Austria eine besorgniserregende Entwicklung: Während die Konsumentinnen und Konsumenten für Lebensmittel mehr bezahlen, sinken die Produzentenpreise in mehreren Bereichen. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Fleisch und Wurstwaren. Wirtschaftsverbände fordern deshalb mehr Transparenz entlang der Wertschöpfungskette und eine vertiefte Analyse durch die Wettbewerbsbehörden.
Erfreuliche Nachrichten kommen aus Deutschland: Unsere Partnerorganisation FairBio hat die Konformitätsprüfung ihres Fairness-Siegels nach den neuen EU-Vorgaben der EmpCo-Richtlinie erfolgreich bestanden. Ab September 2026 gelten europaweit strengere Regeln für Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen, um Greenwashing einzudämmen. Das Ergebnis bestätigt: Glaubwürdige Fairness und Transparenz halten einer unabhängigen Prüfung stand.
«lokal+fair»-Betrieb: Bio26 zeigt, wie regionale Vermarktung gelingt
«Es ist ein bisschen so, als würde man direkt auf dem Bauernhof einkaufen – nur mitten in der Stadt Freiburg. Oder als könnte man jeden Tag auf den Markt gehen.» So beschreibt Urs Gfeller, Bio-Gemüsebauer, Gründungsmitglied und Präsident von Bio26, das Konzept (www.bio26.ch/).
Der Erfolg des Projekts lässt sich mit wenigen Zahlen eindrücklich belegen: Bereits nach vier Jahren schreibt Bio26 schwarze Zahlen – und dies ganz ohne öffentliche Fördergelder. Aus den sieben Gründungsmitgliedern und Direktvermarktern sind inzwischen 90 Produzentinnen und Produzenten geworden. Mit einem Jahresumsatz von einer Million Franken hat Bio26 zudem den angestrebten Mindestumsatz bereits erreicht.
Bio26 – ein Partnerbetrieb von local+équitable – ist ein Lebensmittelgeschäft mit Bistro. Alle Produzentinnen und Produzenten stammen aus der Region mit der Telefonvorwahl 026. Damit setzt Bio26 das Prinzip der circuits courts (kurzen Lieferketten) konsequent um.
Auf die Frage, ob dieses Modell auch in anderen Städten erfolgreich funktionieren könnte, antwortet Urs Gfeller: «Entscheidend ist, dass sich die Produzentinnen und Produzenten solidarisieren, mit einer Stimme auftreten und das Projekt nicht von den Abnehmern abhängig ist.»

Legende:
Stefan Nicolet, Geschäftsführer/gérant du magasin (rechts)
Marie Bergé, Gérante du bistro (links)
Urs Gfeller, Präsident, Mitgründer und Produzent von bio26 (Mitte)
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