FMS-Projektserie: So geht fair. Wie Schweizer Unternehmen Fairness und Transparenz in die Praxis umsetzen
La Petite Épicerie: Die lokale & innovative Speisekammer
Faire Märkte Schweiz setzt sich für faire und transparente Märkte ein. Die Projektserie «So geht fair» zeigt, was dies für Schweizer Unternehmen im Agrar- und Lebensmittelsektor konkret bedeutet und welche Herausforderungen dabei entstehen können. Anhand inspirierender Beispiele macht die Serie deutlich, dass ein Engagement für Fairness und Transparenz nicht nur machbar, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Gleichzeitig lädt sie zum Dialog und zur Nachahmung ein.
Das Unternehmen
Die Firma La Petite Épicerie ist aus einer Familiengeschichte heraus entstanden. 2008 musste der letzte Dorfladen in Bavois wegen fehlender Nachfrage und Umsatz schliessen. Geführt wurde er von der Mutter von zwei der vier zukünftigen Gründer der La Petite Épicerie. Mit dem neuen Vertriebssystem wollten sie zehn Jahre nach der Schliessung des Dorladens herausfinden, ob dieser durch Automatisierung wieder rentabel geführt werden kann.
Entstanden ist daraus nicht einfach eine normale Ladenkette, sondern ein vernetztes System für lokale Versorgung. La Petite Épicerie entwickelt und betreibt die Marke, die App und die technische Infrastruktur der Verkaufsstellen und verbindet die Läden mit Produzentinnen, Produzenten und regionalen Gewerbebetrieben. Die einzelnen Geschäfte werden von unabhängigen Geschäftsführenden betrieben. Sie nehmen die Verkaufserlöse ein, stellen ihr Sortiment zusammen und vergüten ihre Lieferantinnen und Lieferanten direkt.
Mehr als 400 regionale Produzentinnen, Produzenten und Gewerbetreibende können die Verkaufsstellen im Kommissionsmodell direkt beliefern. Die Ware bleibt bis zum Verkauf in ihrem Eigentum. Gleichzeitig sorgt die digitale Infrastruktur dafür, dass die Läden rund um die Uhr zugänglich sein können: Die Kundschaft öffnet die Tür per App, scannt die Produkte und bezahlt mit Karte oder TWINT am Terminal. So verbindet La Petite Épicerie persönliche Nahversorgung mit einer Betriebsform, die auch bei kleinen Kundenfrequenzen funktionieren kann.
Heute umfasst das Netzwerk rund fünfzehn Verkaufsstellen mit über 7’500 Produkten. Sein Anspruch geht jedoch über die Versorgung hinaus: Ein Dorfladen schafft Begegnung, macht regionales Können sichtbar und bringt neue Dynamik in Orte, in denen traditionelle Geschäftsmodelle kaum noch bestehen können.
Fairness & Transparenz im Geschäftsalltag
La Petite Épicerie entstand aus der Erfahrung, dass ein Dorfladen trotz engagierter Arbeit nicht mehr von seiner Tätigkeit leben konnte. Deshalb muss das System für alle Beteiligten funktionieren: für die Produzierenden, für die Geschäftsführenden und für die Kundschaft.
Für Produzentinnen und Produzenten bedeutet dies zunächst, dass sie ihren Verkaufspreis selbst festlegen. La Petite Épicerie verhandelt diesen Preis nicht nach unten. Es gibt weder eine Listungsgebühren noch eine Pflicht, sich an Werbeaktionen zu beteiligen. Die im Voraus bekannte Provision wird bereits beim ersten Kontakt offengelegt. Auch eine Exklusivität wird nicht verlangt: Wer das Netzwerk beliefert, bleibt frei, seine Produkte über weitere Kanäle zu verkaufen.
Ebenso wichtig ist der Umgang mit Geld und Informationen. Nach jedem Verkauf wird automatisch eine Gutschrift erstellt, statt die Produzierenden sechzig oder neunzig Tage auf ihre Vergütung warten zu lassen. Verkäufe und Lagerbestände sind jederzeit in Echtzeit einsehbar. Die administrativen Anforderungen sollen dabei im Verhältnis zur Grösse eines Familienbetriebs bleiben. Transparenz wird so nicht zur zusätzlichen Belastung, sondern zu einem Werkzeug, mit dem sich Produktion und Lieferung verlässlich planen lassen.
Auch die unabhängigen Geschäftsführenden erhalten klare Rahmenbedingungen. Ihre Gebühr ist bekannt, stabil und vor Vertragsabschluss kommuniziert. Innerhalb der gemeinsamen Charta entscheiden sie selbst über Sortiment, Ausrichtung und Organisation ihres Geschäfts und wählen ihre Rechtsform frei – vom Einzelunternehmen über eine Gesellschaft bis zur Genossenschaft oder zum Verein. Mit den Daten ihrer Verkaufsstelle und Vergleichswerten aus dem Netzwerk können sie ihr Geschäft auf Grundlage nachvollziehbarer Zahlen führen.
Die gemeinsame Charta schafft dabei einen verbindlichen Rahmen für die Zusammenarbeit. Sie verpflichtet Franchisegeber, Geschäftsführende sowie Produzentinnen und Produzenten zu einem respektvollen, transparenten Umgang und zu klaren Produktinformationen. Intern setzt La Petite Épicerie ebenfalls auf Mitwirkung: Die Mitarbeitenden der Marke arbeiten in einer horizontalen Struktur. Produzierende bestimmen ihre Preise, und die Geschäftsführenden gestalten ihre Verkaufsstellen innerhalb der Charta eigenständig.
Faire Marktbedingungen & Preisbildung
Ein fairer Markt ist für La Petite Épicerie ein Markt, in dem keine Partei die Kosten dafür trägt, dass eine andere bestehen kann. Produzierende sollen nicht einen fremdbestimmten Preis akzeptieren müssen. Gleichzeitig muss der Handel von seiner Marge leben können, und die Kundschaft soll verstehen, was sie kauft. Wenn ein Glied der Kette nur überlebt, weil ein anderes den Verlust übernimmt, ist der Markt nicht fair – seine Instabilität wird lediglich aufgeschoben.
Ein fairer Preis entsteht folglich nicht durch eine starre Formel. Er ist dann fair, wenn Produzentinnen und Produzenten, Geschäftsführende und Kundschaft gleichermassen auf ihre Rechnung kommen. Voraussetzung dafür ist, dass Gebühren, Provisionen, Preise und Erwartungen von Anfang an offenliegen.
Labels, Marken und Qualitätsstandards können dazu einen wichtigen Beitrag leisten – aber sie lösen nicht jedes Problem. Sie sind nützlich, weil einzelne Konsumentinnen und Konsumenten Herkunft, Produktionsweise und Qualität nicht selbst überprüfen können. Ein glaubwürdiges Label macht mehr sichtbar als ein blosses Versprechen.
Viele Labels zertifizieren jedoch in erster Linie das Produkt und kaum die dahinterliegende Geschäftsbeziehung. Ein Lebensmittel kann biologisch und regional sein und dennoch zu Bedingungen gehandelt werden, die die Produzentin oder der Produzent nicht selbst mitbestimmen konnte. Zertifizierungen können sogar kontraproduktiv wirken, wenn Kosten und administrativer Aufwand gerade jene kleinen Betriebe ausschliessen, die sie schützen sollen.
Faire Bedingungen entstehen zudem nicht allein innerhalb eines Unternehmens. Gemeindebehörden verfügen über einen wirkungsvollen Hebel, denn oft genügt ein geeignetes Lokal zu einer tragbaren Miete, damit aus einer guten Idee ein lebensfähiger Dorfladen wird. Auch Immobilienbesitzer tragen Verantwortung: Eine Miete nach städtischen Renditeerwartungen kann Nahversorgung im Dorf verhindern, unabhängig von der Qualität der Geschäftsführung.
Die Kundinnen und Kunden wiederum stimmen mit jedem Einkauf darüber ab, ob ein lokales Angebot Bestand hat. Grosshandel und grosse Detailhandelsunternehmen prägen durch ihre Grösse die Standards für Zahlungsfristen, Listungsbedingungen und Preiserwartungen – auch für Betriebe, die gar nicht direkt mit ihnen zusammenarbeiten.
Herausforderungen
Die grösste Herausforderung bleibt der Preisdruck. Faire Preise und transparente Prozesse können nur funktionieren, wenn alle Beteiligten bereit sind, ihre Erwartungen und Bedingungen offenzulegen. Sobald Transparenz nur von einer Seite verlangt wird, entsteht ein Ungleichgewicht. La Petite Épicerie hat daraus gelernt, dass Klarheit nicht erst bei Konflikten beginnen darf: Gebühren, Rollen, Entscheidungsräume und Abläufe müssen von Anfang an verständlich kommuniziert werden.
Gleichzeitig muss sich das Modell laufend weiterentwickeln. Automatisierung ist dabei kein Selbstzweck und soll menschliche Arbeit nicht unsichtbar machen. Sie reduziert jene Kosten und Routineaufgaben, die kleine Verkaufsstellen sonst überfordern würden, und schafft damit Raum für das Wesentliche: regionale Produkte, tragfähige Existenzen und lebendige Dörfer.
La Petite Épicerie möchte ihr System so weiterentwickeln, dass möglichst viele Konsumentinnen und Konsumenten, Produzierende und Geschäftsführende davon profitieren – und von ihrer Arbeit würdig leben können. Ob diese Vision trägt, entscheidet sich nicht allein an der Technik, sondern daran, ob Werte und wirtschaftliche Realität zusammenfinden. Genau darin liegt die Stärke des Projekts: Es zeigt, dass faire Marktbeziehungen nicht nur eine Haltung sind, sondern konkret gestaltet werden können.



