Tiefe Preise, hohes Risiko: Das unfaire Geschäft mit den Schweizer Bauern
Neue Studie zeigt grosse Einkommenslücken in wichtigen Betriebszweigen und macht zugleich deutlich, was bei der Beurteilung fairer Preise berücksichtigt werden muss
Was ist ein fairer Preis für ein landwirtschaftliches Produkt? Einer, der nicht nur die Produktionskosten deckt und ein angemessenes Einkommen ermöglicht, sondern auch die Risiken der Produktion berücksichtigt. Genau dies geschieht heute häufig nicht: Marktmächtige Verarbeiter und Detailhändler wälzen die Risiken einseitig auf die Landwirtschaft ab. Eine neue Studie der FHNW im Auftrag von Faire Märkte Schweiz zeigt, dass Bauernfamilien deshalb in den meisten zentralen Betriebszweigen das gesetzlich vorgesehene angemessene Einkommen nicht erzielen. Viele Landwirtschaftspreise in der Schweiz sind demnach nicht fair.
Die von Faire Märkte Schweiz bei Prof. Dr. Mathias Binswanger von der FHNW in Auftrag gegebene Studie „Faire Preise in der Landwirtschaft in der Schweiz – Grundlagen und Ergebnisse aus Vollkostenrechnungen” untersucht diese Zusammenhänge anhand von Agroscope-Daten. Verglichen werden die effektiv bezahlten Produzentenpreise, die kalkulierten Vollkosten, die daraus resultierenden Stundenlöhne und Auswirkungen auf die Einkommen sowie die Einkommensrisiken verschiedener Betriebszweige.
Angemessenes Einkommen als Ausgangspunkt
Das Landwirtschaftsgesetz hält fest, dass nachhaltig wirtschaftende und ökonomisch leistungsfähige Betriebe im Durchschnitt mehrerer Jahre Einkommen erzielen können sollen, die mit den Einkommen der übrigen erwerbstätigen Bevölkerung in der Region vergleichbar sind.
Die Studie stützt sich auf Vollkostenrechnungen von Agroscope auf Stufe Betriebszweig. Erfasst werden Direktkosten, Kosten für Land sowie Gemeinkosten für Arbeit, Maschinen, Gebäude und weitere betriebliche Aufwendungen. Auch Direktzahlungen werden den Erträgen zugerechnet. Wenn ein Betriebszweig trotz dieser Zahlungen kein angemessenes Einkommen erreicht, liegt eine grundlegende Lücke zwischen Marktpreis und wirtschaftlich tragfähigem Preis vor.
Fehlende Risikoperspektive
Vollkostenrechnungen wie diejenigen von Agroscope weisen Risikoprämien nicht ausdrücklich aus. Berücksichtigt werden in der Regel lediglich konkrete Versicherungsprämien, beispielsweise für eine Hagelversicherung. Die vielfältigen weiteren Risiken der landwirtschaftlichen Produktion bleiben dagegen weitgehend ausgeklammert. Dazu gehören schwankende Erntemengen und Produzentenpreise ebenso wie Wetterextreme, Tierkrankheiten oder steigende Betriebsmittelkosten.
Je mehr Risiken die Landwirtschaft selbst trägt, desto stärker müssen die erzielten Erträge über den Kosten liegen, die ohne Risikoprämie berechnet wurden. Nur dieser Mehrertrag erlaubt es den Betrieben, das übernommene Risiko angemessen abzugelten und in guten Jahren Reserven für schlechtere Zeiten zu bilden. Ein fairer Preis darf sich deshalb weder allein an einem durchschnittlichen Produktionsjahr noch an der reinen Kostendeckung orientieren. Andernfalls tragen die Produzentinnen und Produzenten zwar das Risiko, erhalten dafür aber keine angemessene Entschädigung.
Eine Kernbotschaft der Studie lautet daher: Risiken und die daraus abgeleiteten Risikoprämien müssen künftig in die Berechnung angemessener Einkommen und fairer Preise einfliessen. Dies gewinnt zusätzlich an Bedeutung, weil die Klimaerwärmung sowie häufigere Trockenperioden und Starkniederschläge die Ertrags- und Einkommensschwankungen weiter verstärken dürften. Wie stark sich eine Risikoprämie auf den fairen Preis auswirkt, zeigt das Beispiel Weizen: Bei einer Prämie von zehn Prozent würde der durchschnittliche vollkostendeckende Produzentenpreis für die Jahre 2016 bis 2023 von 54 auf rund 60 Franken pro Dezitonne steigen.
Deutliche Lücken bei Milch und Rindviehhaltung
Die Ergebnisse für die Jahre 2016 bis 2023 zeigen: In mehreren wichtigen Betriebszweigen reichen die Produzentenpreise nicht aus, um ein angemessenes Einkommen zu erzielen. Besonders gross ist die Differenz in der Milchproduktion, der Mutterkuhhaltung und der Rindermast. Die Direktzahlungen sind in diesen Berechnungen bereits berücksichtigt.
Im Durchschnitt hätten die Preise bei Milch um mindestens 77 Prozent, bei der Mutterkuhhaltung um 101 Prozent und bei der Rindermast um 39 Prozent höher liegen müssen, damit ein angemessenes Einkommen resultiert hätte.
Doch nicht nur die durchschnittliche Höhe des Einkommens, sondern auch die Einkommensschwankungen über die Zeit spielen eine wichtige Rolle. Die Verbindung von effektivem Stundenlohn und den Schwankungen im Einkommen in Abbildung 3 der Studie zeigt, dass bei Brot- und Futtergetreide, Milchproduktion, Rindermast und Schweinemast die Produzentenpreise nicht als fair gelten.

Quelle: Binswanger (2026), Abbildung 3: effektiver Stundenlohn und Variationskoeffizient nach Betriebszweig
Betriebe können nicht einfach auf rentablere Betriebszweige ausweichen
Die Studie weist auch Betriebszweige aus, die wirtschaftlich besser abschneiden. Dazu gehören Raps, Körnermais, Zuckerrüben, Pouletmast und Eier. Daraus folgt jedoch nicht, dass landwirtschaftliche Betriebe ohne Weiteres auf diese Produktionen umstellen können.
Die möglichen Betriebszweige werden wesentlich durch Standort, Topografie, Boden, verfügbare Flächen, Stallungen und bestehende Betriebsstrukturen bestimmt. In Bergregionen sind Milchproduktion und Mutterkuhhaltung oft die wenigen realistischen Formen der landwirtschaftlichen Nutzung. Ein Wechsel zu Acker- oder Spezialkulturen ist dort kaum möglich.
Auch im Talgebiet sind die Grenzen landwirtschaftlicher Produktion zu beachten. Zuckerrüben und Raps können nicht ausschliesslich angebaut werden, sondern erfüllen eine bestimmte Funktion innerhalb der Fruchtfolge. Häufig werden sie mit Veredelungsbetrieben (Tierhaltung) sowie Ackerbau (Getreide) kombiniert und ein wesentlicher Teil der Stunden von Lohnunternehmen ausgeführt. Ihre auf die eingesetzten Arbeitsstunden bezogene Rentabilität lässt deshalb keinen direkten Schluss auf das Einkommen des Gesamtbetriebs zu.
Marktorganisation entscheidet mit
Die Unterschiede zwischen den Betriebszweigen entstehen aus einem Zusammenspiel von Produktionsbedingungen, Direktzahlungen, Grenzschutz und Marktorganisation. Betriebszweige mit vertraglich gesicherten Preisen oder starkem Grenzschutz schneiden teilweise besser ab.
In vielen Betriebszweigen ist die Preisbildung zudem wenig transparent. So werden beispielsweise bei zahlreichen pflanzlichen Produkten keine tatsächlich bezahlten Produzentenpreise veröffentlicht; verfügbar sind lediglich unverbindliche Richtpreise. Ohne verlässliche Informationen über Preise und Margen entlang der Wertschöpfungskette bleibt für Produzentinnen, Produzenten und Konsumierende unklar, wie die Wertschöpfung verteilt wird.
Hinzu kommt ein strukturelles Marktungleichgewicht: Einer grossen Zahl einzelner Landwirtschaftsbetriebe stehen wenige grosse Verarbeiter und Detailhändler gegenüber. Einzelne Betriebe können ihre Preise unter diesen Bedingungen kaum durchsetzen. Faire Preise setzen daher nicht nur eine korrekte Vollkostenrechnung voraus, sondern auch Marktregeln, die Transparenz schaffen und es den Produzenten ermöglichen, wieder verstärkt an der Wertschöpfung in der Lebensmittelproduktion partizipieren zu können.
Was es braucht für faire Preise
Faire Preise müssen drei Dimensionen berücksichtigen: die vollständigen Produktionskosten, ein angemessenes Einkommen und eine Abgeltung der getragenen Risiken. Erst wenn alle drei Elemente zusammenspielen, können landwirtschaftliche Betriebe langfristig investieren, auf Krisen reagieren und ihre Leistungen für Versorgungssicherheit, Tierwohl, Umwelt und Kulturlandschaft erbringen.
In Hinblick auf die bevorstehende agrarpolitische Revision (AP30+) kommt dem Staat als Regulator der Märkte eine entscheidende Rolle zu, indem er die ökonomischen Risiken angemessen berücksichtigt und dafür sorgt, dass diese nicht einseitig von den Produzenten getragen werden, sondern entlang der Wertschöpfungskette ausgewogen verteilt werden. Damit schafft er die Voraussetzungen für eine faire und marktwirtschaftlich tragfähige Preisbildung. Dazu braucht es eine konsequente Marktbeobachtung entlang der gesamten Wertschöpfungskette und die Offenlegung zusätzlicher Preisdaten bei Verarbeitung und Handel. Ebenso wichtig sind bessere Möglichkeiten für Produzentinnen und Produzenten, gemeinsam zu verhandeln. Kurze Lieferketten und regionale Vermarktungssysteme können das Risiko zusätzlich fairer verteilen.
Weitere Informationen:
Die Studie: “Faire Preise in der Landwirtschaft in der Schweiz – Grundlagen und Ergebnisse aus Vollkostenrechnungen” von Prof. Dr. Mathias Binswanger (FHNW Hochschule für Wirtschaft / Institute for Competitiveness and Communication) wurde im Auftrag von Faire Märkte Schweiz (FMS) erstellt.
Download der Studie: “Faire Preise in der Landwirtschaft in der Schweiz – Grundlagen und Ergebnisse aus Vollkostenrechnungen” von Prof. Dr. Mathias Binswanger (FHNW Hochschule für Wirtschaft / Institute for Competitiveness and Communication) im Auftrag von Faire Märkte Schweiz (FMS) :



