Marktmacht von beiden Seiten: Warum die Landwirtschaft immer stärker unter Druck gerät

Marktmacht von beiden Seiten: Warum die Landwirtschaft immer stärker unter Druck gerät

Eine neue Recherche von Faire Märkte Schweiz zeigt: Die Schweizer Landwirtschaft ist im Markt zunehmend eingeklemmt. Zwischen marktmächtigen Lieferanten auf der einen Seite und dominanten Abnehmern auf der anderen fehlen ihr die Möglichkeiten, faire Preise durchzusetzen. Sowohl vorgelagerte Stufen als auch der Detailhandel üben starken Druck aus, so dass erkämpfte Preiserhöhungen von den verteuerten Vorleistungskosten ‘weggefressen’ werden. Die Folge: Trotz steigender Preise bleibt die Einkommenssituation der Landwirtschaft angespannt.

Seit 2020 sind die Produzentenpreise insgesamt um knapp 10 Prozent gestiegen (+1.001 Mrd.). In wichtigen Märkten wie Milch und Fleisch war diese Entwicklung grundsätzlich positiv. Die Zahlen der landwirtschaftlichen Gesamtrechnung zeigen nun aber, dass sich das Einkommen der Betriebe insgesamt kaum verbessert hat. 

Ursache davon ist, dass die realisierten Preiserhöhungen auf der Absatzseite nur zu einem kleinen Teil bei den Bäuerinnen und Bauern verblieben sind. Drei Viertel davon mussten in Form von höheren Vorleistungskosten an die Firmen im vorgelagerten Bereich weitergereicht werden (-0.745 Mio.). Diesen ist es dank ihrer marktmarktmächtigen Stellung gelungen, den massiven Preisanstieg aus der Corona-Zeit für viele Produktionsmittel auf dem überhöhten Niveau zu belassen – etwa bei Maschinen, Futtermitteln, Dünger, Saatgut, Pflanzenschutzmitteln oder Energie und Bauen. Für die Produzenten blieb kaum Spielraum, ihre Einkommenslage spürbar zu verbessern. Werden andere Ertragsminderungen und Drittkosten berücksichtigt, blieb die Arbeitsentschädigung für die Bauernfamilien in den letzten fünf Jahren konstant.

Tiefpreispolitik hinterlässt Spuren

Obwohl die Produzentenanteile in Relation zum Ladenverkaufspreis in den letzten drei Jahren gestiegen sind, zeigt die neue Erhebung von Faire Märkte Schweiz: Die Annahme, dass dies vollständig den Bauern zugute kommt, ist weitgehend falsch. Der höhere Produzentenanteil ist nur zu einem Teil auf höhere Produzentenpreise zurückzuführen. Hauptursache ist eine aggressive Tiefpreispolitik im Detailhandel. Während tiefere Preise für die Konsumentinnen und Konsumenten grundsätzlich anzustreben sind, dürfen diese nicht übermässig zulasten der Bauern gehen, so Faire Märkte Schweiz.

«Die Landwirtschaft müsste ein deutlich grösseres Stück vom Kuchen abschneiden können, damit die generierte Wertschöpfung von Bäuerinnen und Bauern fair entschädigt wird. Wenn nun aber höhere Produzentenanteile primär durch aggressive Preisreduktionen im Regal entstehen, ist das kein nachhaltiges Modell», warnt Agrarökonom Flückiger. «Es droht eine Preisspirale nach unten, zuerst bei den Konsumentenpreisen und später bei den Produzentenpreisen – dies bei konventionellen Produkten, aber auch bei Label- und Bio-Produkten.»

Anzeichen von Preisspirale nach unten vorhanden – was ist zu tun?

Es bestehen aktuell deutlich Anzeichen, dass der Preisdruck zunimmt. Faire Märkte Schweiz hat entsprechende Anzeichen in diversen Märkten festgestellt. Die deutlich erhöhte Anzahl an Meldungen von Bäuerinnen und Bauern auf der FMS-Meldestelle bestätigen die abnehmende Preisentwicklung.

Faire Märkte Schweiz fordert, dass höhere Produzentenanteile nicht über Tiefpreise erkauft werden, sondern über real höhere Produzentenpreise. Dafür braucht es mehr Transparenz entlang der Wertschöpfungskette, eine wirksame Preisbeobachtung auch im Vorleistungsbereich und klare Regeln gegen unfaire Handelspraktiken. Dafür sind die strukturellen Gründe anzugehen, damit marktmächtige Unternehmungen die heutigen Strukturdefizite im Markt nicht gezielt ausnutzen und daraus ihre Vorteile ziehen können. Mit einer neuen Transparenzplattform für Produktionsmittel, die FMS bei der Berner Fachhochschule HAFL in Auftrag gegeben hat, ergreift FMS selbst die Initiative und wird die Transparenz bei den Produktionsmittelpreisen verbessern.

Die vollständige Analyse ‘Entwicklung der Produzentenanteile und Produzentenpreise in Abhängigkeit der Marktstrukturen’ hier: https://fairemaerkteschweiz.ch/wp-content/uploads/2026/02/Entwicklung-Produzentenanteile-und-Preise-Analyse-von-Faire-Maerkte-Schweiz-01-2026.pdf 

Folgen:

Weitere Beiträge

Milchkrise, Handlungsbedarf und starke Netzwerke: Monatsbericht Januar 2026

Anpacken, was im Jahr 2026 ansteht, dieser Grundsatz hat bereits in den ersten Januarwochen seine Gültigkeit. Dazu komme ich als erstes auf die Jahresbewertung des Schweizer Bauers zurück, denn dieses Credo prägt unsere Arbeit 2026: “Sie fielen im Jahr 2025 auf”. Die Zugehörigkeit von Faire Märkte Schweiz zu diesem ausgewählten Kreis ist eine wertvolle Anerkennung für unsere gesamte Organisation und für alle Personen, die unser Wirken mit grossem Engagement – auch ehrenamtlich – möglich gemacht haben. Faire Märkte Schweiz schaut genau hin, wo Intransparenz herrscht und viele (kleine) unter wenigen (grossen) Akteuren zu leiden haben. Die Beispiele vom Milch- und Getreidemarkt unten zeigen, dass unsere Statements gefragt sind. Auch unser aktueller Jahresbericht zeigt die konkrete Wirkung: Mit gezielten Interventionen können Produzierende und Gewerbebetriebe finanziell spürbar entlastet werden und faire Marktbedingungen an Boden gewinnen. Besonders wichtig sind dabei unsere Netzwerke mit verschiedenen Partnern. Dazu gehört auch der Slow Food Market und die lokal+fair-Betriebe.

AP30+, Kartellgesetz und Beziehungsqualität: Monatsbericht Dezember 2025

Die Weihnachtstage liegen hinter uns, das neue Jahr steht vor der Tür. Diese Zeit zwischen den Jahren nutzen wir, um zusammenzufassen, was uns zuletzt beschäftigt hat – und Impulse zu geben, womit wir uns im kommenden Jahr weiter befassen werden. In unserem kurzen Rückblick bzw. Ausblick gehen wir unten darauf ein.