AP30+, Kartellgesetz und Beziehungsqualität: Monatsbericht Dezember 2025

AP30+, Kartellgesetz und Beziehungsqualität: Monatsbericht Dezember 2025

Die Weihnachtstage liegen hinter uns, das neue Jahr steht vor der Tür. Diese Zeit zwischen den Jahren nutzen wir, um zusammenzufassen, was uns zuletzt beschäftigt hat – und Impulse zu geben, womit wir uns im kommenden Jahr weiter befassen werden. In unserem kurzen Rückblick bzw. Ausblick gehen wir unten darauf ein. 
Angesichts des bevorstehenden neuen Jahres möchte ich einen Gedanken von Peter Block aufgreifen und mit unserer Thematik verbinden:
“Schliesslich kommt es darauf an, wie wir miteinander umgehen, wenn wir zusammenkommen und gemeinsam handeln.”
Peter Block betont die Bedeutung von Beziehungsqualität, Vertrauen und gegenseitigem Respekt für funktionierende Gemeinschaften. Diese Prinzipien lassen sich direkt auf faire Märkte übertragen: Marktwirtschaft funktioniert nicht nur durch Regeln, Preise oder Wettbewerb allein, sondern durch zwischenmenschliches Vertrauen, Integrität und faire Beziehungen zwischen den Beteiligten.

Im Fokus

Fragwürdige Studie zur Wettbewerbssituation gibt falsche Signale für Agrarpolitik

Spielt der Wettbewerb im Detailhandel? Zu dieser zentralen Frage hat das Bundesamt für Landwirtschaft eine Studie in Auftrag gegeben. Die NZZ am Sonntag hat mit einem kritischen Artikel darüber berichtet. Faire Märkte Schweiz nimmt im Artikel Stellung. Nationalrat Rüegsegger (SVP Bern) hat ausserdem dem Bundesrat eine Anfrage zur Governance-Problematik der Autorenschaft gestellt. Zweifel am guten Funktionieren der Märkte hat auch die Wirtschaftskommission des Ständerates WAK-S. Mit ihrem Postulat Wettbewerbssituation im Lebensmittelmarkt hat sie die richtigen Fragen dazu gestellt. Leider lässt die Studie viele entscheidende Fragen unbeantwortet, was auch die Fachmedien dargelegt haben. Auch der ‘Schweizer Bauer’ analysiert das Thema (E-Paper hier oder Artikel hier).

Für FMS werden die Fragen zur Wettbewerbssituation und den Marktstrukturen entscheidend sein, ob in der nächsten agrarpolitischen Revision Fortschritte zur fairen Verteilung der Wertschöpfung und zur Markttransparenz gemacht werden können. In einer detaillierten Analyse hat FMS die offenen Fragen aufgelistet und dem Bundesamt für Landwirtschaft zugestellt. Die Antwort steht noch aus.

Kurzmeldungen

Kartellgesetz geschwächt: Unzulässige Verhaltensweisen marktmächtiger Unternehmen aufgeweicht

Die Revision des Kartellgesetzes bringt für die kleinen Betriebe, KMU, die Landwirtschaft und die Konsumentinnen und Konsumenten bedeutende Nachteile. Zum einen wird die Bildung besonders schädlicher Kartelle erleichtert und die Norm für unzulässiges Verhalten marktmächtiger Unternehmen aufgeweicht. Neu wird die Weko die Missbräuchlichkeit einzelfallweise anhand anspruchsvoller Elemente überprüfen müssen. Zum anderen werden die Verfahren komplizierter und viele Vorteile werden rückgängig gemacht, die das Parlament mit dem Gegenvorschlag der Fair-Preis-Initiative erst vor vier Jahren beschlossen hat. Es ist ein falsches Zeichen für die Wettbewerbsbehörden, die in Zeiten zunehmender Marktkonzentration und fehlender Transparenz bessere Spielregeln schaffen müssten. Für Organisationen wie FMS wird es zukünftig schwieriger werden aufzuzeigen, dass gewisse Praktiken missbräuchlich sind. Die Bauernzeitung hat die Argumente von FMS aufgenommen. 

International: Ernüchternde Nachrichten – Marktmachtproblematik bestätigt

Deutschland: Ende November hat die Monopolkommission bestätigt, dass die Marktmacht im Lebensmittelhandel problematisch ist. Die Gewinnmargen haben sich deutlich verschoben – weg von der Landwirtschaft, hin zu Industrie und Handel. Die Schere zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen geht immer weiter auseinander. Die grossen Vier haben fast 90 % des Marktes und können damit gegenüber ihren Lieferanten zunehmend Druck ausüben und Preise diktieren.

Wir empfehlen Ihnen dazu folgende Publikationen: FFH_Hintergrundpapier_LEH_2025 und FFH_oxfam_ausgequetscht_RZ_DIGITAL

EU: Fast gleichzeitig veröffentlichte die EU-Kommission ihre Bewertung der Richtlinie über unlautere Handelspraktiken. Die Richtlinie verbietet die gravierendsten unlauteren Handelspraktiken in den Agrar- und Lebensmittellieferketten und soll im kommenden Jahr überarbeitet werden. Der neue Evaluierungsbericht der EU zeigt grossen Reformbedarf. Es kann nicht bestätigt werden, dass unlautere Handelspraktiken zurückgegangen sind.

Deutschland: Eine bedauerliche Nachricht, die Initiative „Du bist hier der Chef!“ stellt seine Arbeit auf Ende Jahr ein. Vorbild war die französische Initiative „C’est qui le patron?!“, die im Jahr 2016 ebenfalls mit der Milch startete und inzwischen mehr als 30 Verbraucher-Produkte kreieren liess. Ziel ist, die Transparenz bei Qualität und Preis von Lebensmitteln zu schaffen und Landwirten eine faire Vergütung zu garantieren. Im Communiqué heisst es: “Der Hauptgrund sind die dicken Türen des Handels, die trotz vieler proaktiver Listungsgespräche verschlossen blieben. Somit konnten sich weder die Verfügbarkeit, noch die Anzahl unserer Produkte elementar erhöhen.” Zusammen wollten wir diese Initiative in die Schweiz bringen, erste Gespräche fanden bereits statt.

Rückblick und Ausblick – Schwerpuktthemen im neuen Jahr

Im Jahr 2026 wollen wir aufbauen auf dem, was der FMS die letzten zweieinhalb Jahre geschaffen hat: Transparenz und Eintreten für faire Märkte. Vieles konnte bereits erreicht werden, politisch, in der Netzwerkarbeit oder in Bezug auf marktmächtige Unternehmen. In 62 Medienmitteilungen und Blogbeiträgen berichteten wir in diesem Jahr über unser Wirken. Ein Meilenstein war die Mitteilung “Coop lenkt ein – Rückvergütung von 3% vom Tisch”. 

Noch mehr steht aber bevor: FMS setzt sich für eine tiefgreifende Transformation der Marktsysteme ein und setzt dies mit folgenden Schwerpunktthemen im Jahr 2026 um: tragfähige, faire Märkte für Produzenten und Konsumierende, die Nachhaltigkeit, Umwelt und Tierwohl berücksichtigen. Die Sensibilisierung wird im Zentrum stehen, um die genannte Transformation gemeinsam mit der Bevölkerung und mit starken Netzwerken anzugehen. Und politisch müssen die Forderungen des FMS zu Fairness und Transparenz in die Konzepte der zukünftigen Agrarpolitik (AP30+) Eingang finden. Ausserdem werden wir nahe bei der Bevölkerung sein und die Bewegung “lokal+fair” weiter voranbringen.


lokal+fair-Betrieb: Dorfladen Ennetmoos NW: Lokal – Wirtschaftlich – Füreinander

Die IG DorfLaden Ennetmoos hat am 9. Dezember 2025 die Dorfgemeinde an einem sehr gut besuchten Informationsabend über das neue Ladenkonzept informiert. Damit hat die IG DorfLaden einen weiteren Meilenstein erreicht, nachdem mit Expertinnen und Experten ein solider Businessplan erstellt wurde. Unter dem Motto «Wirtschaftlich – Lokal – Füreinander» entsteht  in Zusammenarbeit mit der Gemeinde ein Dorfladen, von dem die lokale und regionale Wirtschaft  speziell profitieren soll. Anknüpfend an die Tradition von Genossenschaften und Dorfläden ist das Konzept die strategische Antwort auf die Bedürfnisse der Einwohner und Einwohnerinnen von Ennetmoos. Die  Bevölkerung reagierte sehr positiv auf das Ladenkonzept. Man ist sich einig: „Der Dorfladen Ennetmoos ist mehr als ein Geschäft“. 

Legende: Am Informationsabend führte Wirtschaftsethiker Thomas Wallimann  („Leiter „ethik22“ – Institut für Sozialethik (www.ethik22.ch) und Mitglied der IG DorfLaden Ennetmoos) durch die Podiumsveranstaltung. Von links nach rechts: Thomas Wallimann (IG Dorfladen), Stefan Flückiger (Präsident Faire Märkte Schweiz), Rosi Fluri (IG Dorfladen), Doris Inauen (Leiterin Schnider’s Dorfladä, Giswil), Christina Sasaki (IG Dorfladen).

Folgen:

Weitere Beiträge

Migros-Skonto kostet Früchte- und Gemüseproduzenten 12 Millionen Franken pro Jahr: Anzeige eingereicht 

Schweizer Früchte- und Gemüseproduzenten verlieren nach Berechnungen von Faire Märkte Schweiz (FMS) jährlich rund CHF 12 Millionen durch das sogenannte Migros-Skonto-Regime. Dabei zieht Migros den Lieferanten pauschal 3 Prozent auf den Warenwert ab. FMS hat deshalb bei der Wettbewerbskommission (WEKO) Anzeige wegen des Verdachts auf Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung eingereicht. 

a woman walking through a market filled with lots of food

Preisüberwacher bestätigt strukturelle Probleme im Lebensmittelhandel – dringender Handlungsbedarf besteht

Der Verein Faire Märkte Schweiz (FMS) ist zeigt sich erstaunt, dass der Preisüberwacher diese Woche bekannt gab, seine Marktbeobachtung zum Schweizer Lebensmitteldetailhandel abzuschliessen. Denn der Bericht bestätigt gerade jene strukturellen Probleme, vor denen FMS seit mehreren Jahren warnt: Eine hohe Marktkonzentration, die anhaltende Dominanz von Coop und Migros, sowie die Möglichkeit von missbräuchlichem Verhalten aufgrund deren marktbeherrschenden Stellung.

Goliath gegen FMS, Start lokal+fair und Fokus Romandie: FMS-Monatsbericht April

Unter dem Titel “Goliath gegen FMS” berichten wir im Fokus über den Einschüchterungsversuch des global führenden Agrarunternehmens Syngenta. Der Basler Agrochemie-Konzern, der vor zehn Jahren von der chinesische ChemChina gekauft wurde, droht FMS mit juristischen Schritten. Sachlich begründete Transparenzarbeit ist nicht erwünscht! Unter den Kurzmeldungen berichten wir über viel Erfreuliches, wie z.B. über die neue Video-Kampagne in der Westschweiz, den Kampagnenstart von lokal+fair 2026 und die Partnerschaft mit dem erfolgreichen Unternehmen La Petite Epicerie. 

Goliath gegen FMS: Syngenta droht Transparenzorganisation mit Klage – weil sie als «marktmächtig» bezeichnet wird

Der Grosskonzern Syngenta fordert von der NGO Faire Märkte Schweiz (FMS), seinen Firmennamen aus wissenschaftlich belegten Marktanalysen zu entfernen. Das Kernproblem: Syngenta will nicht als «marktmächtige Unternehmung» bezeichnet werden – obwohl das Unternehmen auf seiner eigenen Website stolz verkündet, ein «global führendes Agrarunternehmen» zu sein. FMS wertet dies als Versuch, sachlich begründete Transparenzarbeit durch juristische Drohungen zu unterbinden.