Goliath gegen FMS: Syngenta droht Transparenzorganisation mit Klage – weil sie als «marktmächtig» bezeichnet wird

Goliath gegen FMS: Syngenta droht Transparenzorganisation mit Klage – weil sie als «marktmächtig» bezeichnet wird

Der Grosskonzern Syngenta fordert von der NGO Faire Märkte Schweiz (FMS), seinen Firmennamen aus wissenschaftlich belegten Marktanalysen zu entfernen. Das Kernproblem: Syngenta will nicht als «marktmächtige Unternehmung» bezeichnet werden – obwohl das Unternehmen auf seiner eigenen Website stolz verkündet, ein «global führendes Agrarunternehmen» zu sein. FMS wertet dies als Versuch, sachlich begründete Transparenzarbeit durch juristische Drohungen zu unterbinden.

Heute fehlen in vielen Märkten grundlegende Informationen. Preise, Margen und Marktstrukturen bleiben oft im Dunkeln, mit direkten Folgen für Produzentinnen, Konsumenten und politische Entscheidungen. Die Preise in zentralen Märkten bleiben intransparent, und wer das ändern will, gerät unter Druck: Ein Schweizer Verein analysiert Preise und Marktstrukturen – und wird dafür von einem globalen Konzern mit rechtlichen Schritten bedroht.

Faire Märkte Schweiz (FMS) ist eine unabhängige Schweizer NGO, die sich für faire Marktstrukturen einsetzt, etwa in der Landwirtschaft. FMS zeigte in einer im Februar 2026 publizierten Analyse auf, dass die Mehrerlöse der Schweizer Bauern bei Produktpreisen in den letzten 5 Jahren nicht bei ihnen geblieben sind, sondern praktisch vollständig durch höhere Vorleistungen zunichte gemacht wurden. Die Märkte im landwirtschaftlichen Vorleistungsbereich werden «weitgehend von marktmächtigen Unternehmungen dominiert», «viele sind auch global agierende Konzerne wie Fenaco, Bayer, Syngenta, Maschinenkonzerne etc.»

Am 5. März 2026 reagierte Syngenta mit einem Drohbrief: Das Unternehmen erklärte, die Nennung seines Namens im Zusammenhang mit «Marktmacht» sei «rufschädigend» und «nicht schlüssig hergeleitet». Syngenta forderte die Entfernung des Firmennamens aus den Texten zur FMS-Recherche vom 18. November 2024 sowie aus der Analyse vom 13. Februar 2026 – und behielt sich ausdrücklich rechtliche Schritte vor.

An einer der genannten Stellen, in einem Webartikel, hat FMS den Firmennamen aus dem Titel entfernt; nicht, weil die inhaltliche Aussage falsch wäre, sondern als Entgegenkommen. An der sachlichen Richtigkeit der Einschätzung hält FMS vollumfänglich fest.

Der Widerspruch in Syngentas eigener Kommunikation

Was Syngenta als «rufschädigend» einstuft, entspricht exakt dem, womit das Unternehmen auf seiner eigenen Website wirbt: Die Syngenta Group bezeichnet sich selbst als «neues global führendes Agrarunternehmen». Ein Unternehmen, das sich selbst als globaler Marktführer versteht, kann nicht gleichzeitig verlangen, im Kontext einer wissenschaftlichen Marktstrukturanalyse nicht als marktmächtig bezeichnet zu werden.

Keine Kooperation, keine Transparenz

Die FMS-Analyse stützt sich auf überprüfbare Quellen und amtliche Statistiken (1). Bereits am 23. Februar 2026 hat FMS schriftlich um Stellungnahme gebeten und konkret nachgefragt: Wie haben sich die Preise in der Schweiz seit 2020 entwickelt? Wie im Vergleich zu den Nachbarländern? FMS erklärte sich explizit bereit, die eigenen Aussagen anzupassen, falls Syngenta zuverlässige, andere neue Daten liefern könne. Die Antwort von Syngenta: «Sie werden [aber] verstehen, dass wir als in intensivem Wettbewerb stehendes Einzel-Unternehmen keine Preisangaben an FMS senden.» Kein zusätzliches Datenmaterial, keine Zusammenarbeit – aber juristische Drohungen gegen eine kleine NGO, die Transparenz schafft.

FMS hält an seiner Position fest

In der offiziellen Antwort an Syngenta schreibt FMS-Präsident Stefan Flückiger: «Syngenta gehört unbestritten zu den weltweit führenden Unternehmen im Vorleistungsbereich und ist daher für die Darstellung der Marktstruktur offensichtlich relevant. Die Erwähnung erfolgt in diesem strukturellen Kontext […] Vor diesem Hintergrund sehen wir uns als Kompetenz- und Transparenzorganisation verpflichtet, entlang der Lieferketten vollständige Klarheit zu schaffen und auf Druckversuche der Industrie nicht einzugehen.»

Eine funktionierende Marktwirtschaft brauche Transparenz, hält FMS fest. Sie braucht unabhängige Analysen und die Sicherheit, dass kritische Stimmen ihre Arbeit ohne Angst vor juristischen Drohungen machen können. «Wenn Unternehmen zentrale Informationen zurückhalten und gleichzeitig Druck auf diejenigen ausüben, die diese Informationen sichtbar machen, gerät das Gleichgewicht ins Wanken», so FMS-Präsident Stefan Flückiger. Transparenz wird zum Risiko – und Intransparenz zur Strategie. Die Folgen sind konkret. Produzentinnen und Produzenten, die nicht wissen, wie Preise zustande kommen. Eine Politik, die ohne verlässliche Daten entscheiden muss. Und eine Öffentlichkeit, der zentrale Informationen vorenthalten werden. «Eine funktionierende Wirtschaft braucht das Gegenteil: offene Informationen, überprüfbare Daten und die Möglichkeit, Machtverhältnisse sichtbar zu machen.»

Deshalb findet es Faire Märkte Schweiz wichtig, dass verschiedene Organisationen der Zivilgesellschaft und Medien die Schweizer Allianz gegen SLAPP (Strategic Lawsuits Against Public Participation) gegründet haben, um gegen Einschüchterungsklagen vorzugehen und die Meinungsfreiheit in der Schweiz zu verteidigen. 

1 Preisschere: Laut der FMS-Systemanalyse (2024) auf Basis einer Studie von Gentile et al. (2019, Die Volkswirtschaft) liegen die Preise für Pflanzenschutzmittel in der Schweiz im Schnitt 63–68% höher als in den Nachbarländern – aufgeteilt nach Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden. – Preiserhöhungen: Laut Agristat sind die Preise für Pflanzenschutzmittel für Schweizer Landwirte seit 2020 um +8.8% gestiegen und bei Saat- und Pflanzgut um +6.4%. – Umverteilung: Von den Preiserhöhungen auf der Absatzseite (+1.001 Mrd. CHF) seit dem Jahr 2020 mussten in Form höherer Vorleistungskosten (Futtermittel, Saatgut, Pflanzenschutzmittel, Dünger, Maschinen) an vorgelagerte Unternehmen weitergereicht werden (+0.745 Mrd.).

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