Ernährungssystem, regionale Strukturen & mehr Nachhaltigkeit: FMS-Monatsbericht Mai

Ernährungssystem, regionale Strukturen & mehr Nachhaltigkeit: FMS-Monatsbericht Mai

Die vergangenen Wochen haben einmal mehr gezeigt, wie stark unser Ernährungssystem von wenigen marktmächtigen Akteuren geprägt wird und welche Folgen dies für Produzentinnen und Produzenten, regionale Handelsstrukturen und letztlich auch für Konsumierende hat.

Mit der Weko-Anzeige gegen das sogenannte «Migros-Skonto-Regime» setzt sich Faire Märkte Schweiz konsequent dafür ein, missbräuchliche Praktiken im Detailhandel sichtbar zu machen und faire Wettbewerbsbedingungen einzufordern. Gleichzeitig bestätigt auch der aktuelle Bericht des Preisüberwachers viele unserer Anliegen: Die Marktkonzentration im Schweizer Lebensmittelhandel bleibt hoch, der Wettbewerbsdruck gering und der Druck auf Landwirtschaft und Verarbeitung nimmt weiter zu. Besonders betroffen sind regionale und nachhaltige Strukturen. Die Konkurse der beiden Bio-Grosshändler Pico und Horai zeigen eindrücklich, wie schwierig die Rahmenbedingungen für kleinere und mittelgrosse Marktakteure geworden sind. Dabei sind gerade solche Unternehmen zentral für kurze Wertschöpfungsketten, regionale Versorgung und resiliente Lebensmittelsysteme.

Im Fokus

FMS fordert von der Migros faire Bedingungen für Obst- & Gemüseproduzenten

Faire Märkte Schweiz hat bei der Wettbewerbskommission (WEKO) Anzeige gegen die Migros eingereicht. Grund ist das sogenannte «Migros-Skonto-Regime», das Früchte- und Gemüseproduzenten laut FMS jährlich rund 12 Millionen Franken kostet. Seit fast 20 Jahren zieht Migros ihren Lieferanten pauschal 3 Prozent vom Warenwert ab – unabhängig davon, ob diese eine schnellere Zahlung wünschen oder nicht. Für FMS handelt es sich dabei nicht um ein freiwilliges Skonto, sondern um einen zwingenden Preisabzug. Versuche verschiedener Lieferantenvereinigungen, diese Praxis zu ändern, blieben erfolglos. Für FMS zeigt dies, dass Migros ihre Vertragsbedingungen aufgrund ihrer starken Marktstellung durchsetzen konnte.

Im Juni vergangenen Jahres hatte FMS bereits eine Anzeige gegen Coop wegen vergleichbarer Vertragsbedingungen eingereicht. Coop zog die umstrittenen Rückvergütungen daraufhin zurück. Das Migros-Regime hingegen wurde über viele Jahre hinweg angewendet und hat die Marktbedingungen zulasten der Produzierenden nachhaltig geprägt. FMS fordert die WEKO deshalb auf, die angezeigte Praxis vertieft zu prüfen und die notwendigen wettbewerbsrechtlichen Schritte einzuleiten.

Eine Auswahl an Medienbeiträgen dazu hier:

Kurzmeldungen

Preisüberwacher bestätigt strukturelle Probleme im Lebensmittelhandel 
Der Preisüberwacher gab Ende April bekannt, seine Marktbeobachtung zum Schweizer Lebensmitteldetailhandel abzuschliessen. Dies erstaunt Faire Märkte Schweiz, denn der Bericht bestätigt gerade jenen strukturellen Probleme, vor denen FMS seit mehreren Jahren warnt. Die Untersuchung zeigt, dass der Detailhandel weiterhin von den beiden Grossverteilern Coop und Migros dominiert wird. Trotz des Markteintritts von Aldi und Lidl bleibt die Marktkonzentration hoch und der Wettbewerbsdruck begrenzt. Laut Preisüberwacher bestehen dadurch hohe Kostenstrukturen und unausgeschöpftes Potenzial für Preissenkungen.

FMS kritisiert jedoch, dass sich die Analyse ausschliesslich auf Konsumentenpreise konzentriert hat. Die Situation der Produzenten und Verarbeiter blieb ausgeklammert – obwohl gerade dort der Druck durch die Tiefpreisstrategien der marktmächtigen Detailhändler stark zugenommen hat. Die hohen Kosten und Ineffizienzen im Detailhandel würden zunehmend auf Bäuerinnen, Bauern und Verarbeitungsbetriebe abgewälzt.

Das Aus für Bio-Grosshändler Pico und Horai: Verlust für die regionale Bio-Wertschöpfung

Fast drei Jahrzehnte lang belieferte der Bio-Pionier Pico Fachläden, Restaurants, Hotels und Kitas im Raum Zürich mit Bio-Produkten. 2025 fusionierten sie mit dem Lebensmittel-Onlinehändler Farmy. Man hoffte auf Synergien, um Kosten zu sparen. Mitte Mai mussten jedoch beide Unternehmen Konkurs anmelden und den Betrieb einstellen. Damit verliert Zürich ein regional verankertes Bio-Handelsunternehmen, das über viele Jahre eine wichtige Drehscheibe zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung und (Gemeinschafts-)gastronomie war.  Ein ähnliches Schicksal erlitt bereits Anfang Jahr der Bio-Grosshändler Horai aus Fraubrunnen (BE). Das vor 42 Jahren gegründete Unternehmen befand sich im Besitz von Produzenten, Lieferanten, Kunden und Mitarbeitenden. Als Grund für den Konkurs wurden sinkende Bestellmengen genannt, die zuletzt nicht mehr ausreichten, um die Fixkosten zu decken.

FMS bedauert diese Entwicklungen sehr und setzt sich mit einem Engagement unter anderem politisch dafür ein, dass kurze Wertschöpfungsketten und faire Handelsbeziehungen gefördert werden (siehe Motion von Maya Graf, die in der kommenden Sommersession im Ständerat behandelt wird).

Wo liegt der grösste Hebel für den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit?

Fairness? Transparenz? Für einige klingt das abstrakt. Dabei sind es genau diese Ziele, die dazu führen, dass nicht nur punktuell Verbesserungen für Mensch, Tier und Umwelt erreicht werden, sondern umfassende: Hunderttausende von sogenannten Nutztieren sind betroffen, Landnutzung und Biodiversität sowie die gesamte Lebensmittel- und Trinkwasserversorgung der Schweiz. Als gemeinnütziger Verein setzt sich Faire Märkte Schweiz ein für eine Transformation hin zu einer Schweiz, in der das Wohl von Tier, Mensch und Umwelt gewährleistet ist. Zentraler Hebel dafür sind faire Märkte, die nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen und die Interessen der schwächeren Marktteilnehmer berücksichtigen – vor allem aber unser ganzes Fundament prägen, auf dem unser alltägliches Leben, unser Zusammenleben und unsere Lebensqualität beruht. Fairness, Tierwohl und Umwelt hängen nicht nur von individuellen Entscheidungen ab, sondern primär von den Rahmenbedingungen der Märkte, in denen Produzierende und Konsumierende handeln.

Das Sichtbarmachen der Gemeinwohlleistungen in Form von Ökologie, Tierwohl oder fairer Abgeltung ist eine der Massnahmen, um diesen Hebel wirksam zu machen. Dies lässt sich beispielsweise mit dem Regio-Leistungsrechner berechnen. Die Genossenschaft Pudelwohl mit ihren rund 20 regionalen Produzenten wird dieses Thema mit einem Projekt in Angriff nehmen. Für die Schweizer Version des Leistungsrechners hat FMS die Fairness-Indikatoren entwickelt.

lokal+fair-Betrieb: kauflokal Fischenthal

Das kauflokal Fischenthal bringt Direktvermarkter und Konsumierende zusammen. Das Mitte 2023 eröffnete Laden-Depot ermöglicht es regionalen Produzierenden, ihre Produkte einmal pro Monat anzubieten. Kundinnen und Kunden bestellen und bezahlen die gewünschten Produkte im Voraus online und holen sie anschliessend vor Ort ab.  Das Depot hat sich auch zu einem lebendigen Treffpunkt im Dorf entwickelt. Bei einem Kaffee entstehen Gespräche, Begegnungen und neue Kontakte. Die Produzierenden sind abwechselnd selbst vor Ort, geben Einblick in ihre Arbeit und machen ihre Produkte direkt erlebbar.

Der Direktverkauf stärkt nicht nur die regionale Wertschöpfung, sondern auch das Dorfleben. Der enge Austausch unter den Produzierenden sowie mit der Kundschaft hilft zudem, das Angebot besser auf die lokalen Bedürfnisse auszurichten. Entstanden ist die Initiative im Rahmen eines zweijährigen Prozesses zur Gemeindeentwicklung, bei dem die Anliegen und Ideen der Bevölkerung aktiv aufgenommen wurden.

25. Juni: FMS-Mitgliederversammlung
Gerne erinnern wir daran, dass im Juni die FMS-Mitgliederversammlung stattfindet. Mitglieder und Gäste sind herzlich willkommen am Donnerstag, 25. Juni 2026, von 16.30 bis 17.30 bei unserem Partner Menu and More AG, Ecopark Tivoli,  Pfadackerstrasse 10, 8957 Spreitenbach. Von 17.30 bis 19 Uhr sind Sie eingeladen zur Exkursion bei der Menu and More AG und einem anschliessendem Apéro. Anmelden hier: https://administrator611728.typeform.com/to/YtjiO0pZ

Nur mit Spenden kann der FMS weiterbestehen

Als nicht-gewinnorientierte, gemeinnützige Organisation kann Faire Märkte Schweiz nur bestehen über Zuwendungen und Spenden. Treten Sie noch heute der FMS-Community bei und seien Sie so Teil einer gemeinsamen Vision. Mit Ihrer Spende tragen Sie bei zum Wohl von Mensch, Tier und Umwelt. IBAN CH87 0070 0114 8082 9030 6 oder online auf der FMS-Webseite.

Folgen:

Weitere Beiträge

Migros-Skonto kostet Früchte- und Gemüseproduzenten 12 Millionen Franken pro Jahr: Anzeige eingereicht 

Schweizer Früchte- und Gemüseproduzenten verlieren nach Berechnungen von Faire Märkte Schweiz (FMS) jährlich rund CHF 12 Millionen durch das sogenannte Migros-Skonto-Regime. Dabei zieht Migros den Lieferanten pauschal 3 Prozent auf den Warenwert ab. FMS hat deshalb bei der Wettbewerbskommission (WEKO) Anzeige wegen des Verdachts auf Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung eingereicht. 

a woman walking through a market filled with lots of food

Preisüberwacher bestätigt strukturelle Probleme im Lebensmittelhandel – dringender Handlungsbedarf besteht

Der Verein Faire Märkte Schweiz (FMS) ist zeigt sich erstaunt, dass der Preisüberwacher diese Woche bekannt gab, seine Marktbeobachtung zum Schweizer Lebensmitteldetailhandel abzuschliessen. Denn der Bericht bestätigt gerade jene strukturellen Probleme, vor denen FMS seit mehreren Jahren warnt: Eine hohe Marktkonzentration, die anhaltende Dominanz von Coop und Migros, sowie die Möglichkeit von missbräuchlichem Verhalten aufgrund deren marktbeherrschenden Stellung.

Goliath gegen FMS, Start lokal+fair und Fokus Romandie: FMS-Monatsbericht April

Unter dem Titel “Goliath gegen FMS” berichten wir im Fokus über den Einschüchterungsversuch des global führenden Agrarunternehmens Syngenta. Der Basler Agrochemie-Konzern, der vor zehn Jahren von der chinesische ChemChina gekauft wurde, droht FMS mit juristischen Schritten. Sachlich begründete Transparenzarbeit ist nicht erwünscht! Unter den Kurzmeldungen berichten wir über viel Erfreuliches, wie z.B. über die neue Video-Kampagne in der Westschweiz, den Kampagnenstart von lokal+fair 2026 und die Partnerschaft mit dem erfolgreichen Unternehmen La Petite Epicerie. 

Goliath gegen FMS: Syngenta droht Transparenzorganisation mit Klage – weil sie als «marktmächtig» bezeichnet wird

Der Grosskonzern Syngenta fordert von der NGO Faire Märkte Schweiz (FMS), seinen Firmennamen aus wissenschaftlich belegten Marktanalysen zu entfernen. Das Kernproblem: Syngenta will nicht als «marktmächtige Unternehmung» bezeichnet werden – obwohl das Unternehmen auf seiner eigenen Website stolz verkündet, ein «global führendes Agrarunternehmen» zu sein. FMS wertet dies als Versuch, sachlich begründete Transparenzarbeit durch juristische Drohungen zu unterbinden.