Fair vom Feld: Direktvermarktung gegen das Kleinbauernsterben

Fair vom Feld: Direktvermarktung gegen das Kleinbauernsterben

Viele Bauern geben auf, die Knochenarbeit lohnt sich oft nicht mehr: Im Berggebiet etwa beträgt ihr Stundenlohn gerade einmal knapp 13 Franken, wie eine aktuelle Studie des Bundesrates aufzeigt. Eine Lösung: Direktvermarktung und alternative Absatzkanäle. Ein neues Projekt will hier ansetzen, denn trotz steigendem Bewusstsein für lokale Produktion ist Direktvermarktung noch lange kein Selbstläufer, der Absatz harzt. Der Verein Faire Märkte Schweiz will mit der heute lancierten Initiative ‘lokal+fair’ (zur Webseite hier) nun zusammenbringen, was zusammengehört: Konsumierende, Gewerbe- und Gastrobetriebe, Gemeinden und Bäuerinnen und Bauern.

Die Bergbauernidylle trügt – die Arbeit lohnt sich oft nicht oder nur teilweise: immer mehr der kleineren Bauernbetriebe, die das Grasland Schweiz sinnvoll nutzen, kämpfen am Existenzminimum. Der aktuelle Bericht des Bundesamtes für Landwirtschaft1 zeigt das Lohngefälle zwischen kleineren Bauern im Berg- und Hügelgebiet und grossen Betrieben in der Talregion auf: Während der Durchschnittsstundenlohn im Tal bei rund 23 Franken liegt, beträgt er im Berggebiet nur knapp 13 Franken. Durch die höheren Kosten aufgrund der geringeren Produktionsmenge und des höheren Aufwands im Berggebiet, sind diese Betriebe vom Preisdruck und überhöhten Margen im Detailhandel besonders stark betroffen. Oft haben sie keine Alternative und sind abhängig vom klassischen Handel. Um existenzssichernde Preise zu erzielen, sollen die Direktvermarktung und alternative Absatzkanäle mit kurzen Transportwegen gefördert werden. Eigentlich das Modell der Zukunft, denn möglichst viel vom Konsumentenfranken soll bei den lokalen Produzenten, Verarbeitern und Gewerbebetrieben bleiben – fair und direkt und somit auch ganz im Interesse der Umwelt. 

Aber trotz mehr regionalem Bewusstsein der Bevölkerung stagniert der Absatz. Woran liegt’s? Umfragen bestätigen: Lokaler Konsum ist der Bevölkerung zunehmend wichtig2. Bauern bestätigen im Gespräch mit FMS: Die Hofläden sind da, die Direktvermarktungsangebote bestehen3. Und auch die Gastrobetriebe sagen: Lokaler Einkauf ist ihnen wichtig. Zwar fehlen in vielen Regionen bereits die Verarbeitungsbetriebe, doch dies will die neue Initiative anpacken. Ebenso liegen bei vielen Gemeinden fortschrittliche Konzept für nachhaltige Ernährungsstrategien vor. Doch solange die Produkte über lange Transportwege weggeführt und national vermarktet werden und nicht voneinander lokal oder in der Region profitieren, wird sich deren Situation nicht verbessern. Dieses Problem will das neue Projekt  lokal+fair lösen. 

Mit der Lancierung von lokal+fair will der Verein Faire Märkte Schweiz an diesem Punkt ansetzen: Bauernhöfe mit ihren Verkaufspunkten zum Einkaufen, lokale Verarbeitungsbetriebe, Gastronomen und Gastronominnen, die mit lokalen Produkten arbeiten und Läden, die von lokalen Produzierenden einkaufen, werden auf eine Plattform aufgenommen und die Einkaufsmöglichkeiten der Bevölkerung präsentiert. Gleichzeitig erhalten Gemeinden Unterstützung beim Engagement für lokale Bauernhöfe und Gewerbebetriebe durch den Einkauf bei lokalen Betrieben für Veranstaltungen, für institutionelle Verpflegungsbetriebe und der Organisation von Wochenmärkten. 

Gemeinden, die beim Projekt mitmachen, werden mit der lokal+fair-Partnerschaft ausgezeichnet. Am 14. September wird mit allen Akteuren und mit ersten Partnerstädten der erste nationale Direktvermarktungstag begangen, mit regionalen Produkten auf den Märkten in den Gemeinden und direkt ab Hof und lokale Produzierende mit der Bevölkerung vernetzt. «Wir wollen aufzeigen: es geht lokal, es geht direkt – hier und in der ganzen Schweiz», sagt FMS-Präsident Stefan Flückiger.

Konsumierende sehen zudem auf der Plattform auf einen Blick, wo sie lokal einkaufen und speisen können. «lokal+fair will so den Hofladen zusammen mit dem Verarbeitungsbetrieb von der Peripherie auf den Bildschirm und das Smartphone nach Hause bringen», sagt Stefan Flückiger. Mit der Bündelung der Engagements von Bauern, Gewerbe und Gemeinden will der Verein Faire Märkte Schweiz einen neuen Weg mit alternativen Absatzmöglichkeiten mit kurzen Wertschöpfungsketten gehen. «Direkt ist gut, doch dazu muss das ganze lokale Netzwerk funktionieren. Und deshalb ist die Vision klar: Jede Gemeinde soll lokal+fair-Gemeinde werden», sagt Agrarökonom und FMS-Präsident Stefan Flückiger.

Die Lokale Wertschöpfung steigern: lokal+fair

lokal+fair ist ein Projekt von Faire Märkte Schweiz (FMS) mit dem Ziel, die lokalen Bäuerinnen und Bauern, Verarbeitungsbetriebe und das Gewerbe fair für ihre Produkte zu entschädigen und Gemeinden dazu zu motivieren den lokalen Absatz zu fördern. Damit soll die Wertschöpfung in den Gemeinden gesteigert werden. Also möglichst direkt und fair von den Produzentinnen und Produzenten zu den Konsumentinnen und Konsumenten.

Was heisst lokal?
Produktion und Vertrieb sollen möglichst lokal sein und kurze Transportwege aufweisen (wenn nicht lokal, dann möglichst regional). Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse sollen möglichst direkt oder maximal über eine Zwischenstufe (Verarbeitung) vermarktet werden.

Was heisst fair?
Die generierte Wertschöpfung soll auf allen Stufen angemessen und fair entschädigt werden. Vom nachhaltigen Wirtschaften sollen die lokalen Produzentinnen und Produzenten, aber auch die Gewerbebetriebe profitieren, die eine Rückverfolgbarkeit und Herkunft ihrer Produkte sicherstellen.

Zum Informationsflyer: https://lokalundfair-fms.ch/wp-content/uploads/2024/05/Flyer-lokalfair-final-PRINT.pdf 

Zur Vernetzungsplattform: https://lokalundfair-fms.ch/ 

  1.  https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/86421.pdf 
    ↩︎
  2. https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-95325.html ↩︎
  3. www.bauernzeitung.ch/artikel/markt-preise/immer-mehr-betriebe-setzen-auf-direktvermarktung-400058 ↩︎

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