Gutes Essen muss bezahlbar sein: Preismonitor zeigt Handlungsbedarf
Der neue Preismonitor von Faire Märkte Schweiz (FMS) und der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zeigt: Bezahlbare Lebensmittel und eine bessere Vergütung der Landwirtschaft sind kein Widerspruch. Das zeigt das Beispiel Kartoffeln. Bei diesem Produkt erhalten die Produzentinnen und Produzenten mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig wurden sie im Laden günstiger. Bei der Mehrheit der untersuchten Produkte zeigt die Entwicklung jedoch in die andere Richtung. Für FMS ist deshalb klar: Wer gesunde und nachhaltige Ernährung für die Bevölkerung will, muss dafür sorgen, dass sie für eine breite Mehrheit erschwinglich wird.
Kartoffeln und Bio-Karotten zeigen im neuen Preismonitor 2026, dass es auch anders geht: Obwohl heute mehr bei den Produzentinnen und Produzenten ankommt als im Vorjahr, müssen Konsumentinnen und Konsumenten dafür kaum mehr oder sogar weniger bezahlen. Bio Karotten verteuerten sich im Verkauf lediglich um 10 Rappen, Kartoffeln wurden sogar günstiger. Eine bessere Abgeltung am Anfang der Wertschöpfungskette muss also nicht automatisch die Rechnung der Konsumentinnen und Konsumenten erhöhen.
Bei der Mehrheit der untersuchten Indikatoren zeigt sich jedoch die gegenteilige Entwicklung. Das heisst: Bei den untersuchten Produkten entwickelt sich das Verhältnis zwischen dem, was Konsumentinnen und Konsumenten bezahlen, und dem, was bei den Produzentinnen und Produzenten ankommt, in die falsche Richtung. Nachhaltige Kaufentscheidungen werden so nicht erleichtert.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei tierischen Produkten. Beim Schweinsnierstück, Hinterschinken und bei der Milch haben sich die Indikatorwerte verschlechtert. Die Preise von Bioprodukten im Laden blieben dabei weitgehend stabil, während jene von konventionellen Produkten sanken. Gleichzeitig sanken die Produzentenpreise.
Der Preis entscheidet mit, was im Einkaufskorb landet
Die Ergebnisse sind nicht nur für Landwirtschaft und Detailhandel relevant. Sie berühren eine zentrale Frage der Schweizer Ernährungspolitik: Wie gelingt es, nachhaltiger produzierte Lebensmittel für breite Bevölkerungsschichten attraktiv und erschwinglich zu machen?
Dass der Preis dabei entscheidend ist, zeigen verschiedene Untersuchungen. Eine Studie der ZHAW, der Université de Lausanne und der ETH Zürich kommt zum Schluss, dass der Preis die Hauptbarriere für nachhaltigen Konsum im Lebensmittelbereich ist.¹ Knapp die Hälfte der Befragten nannte ihn als Hindernis. Die Forschenden folgern, dass nachhaltiges Verhalten nicht wesentlich teurer oder aufwändiger sein darf als weniger nachhaltige Alternativen.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL. In einer repräsentativen Befragung von rund 1’000 Personen wurde der Preis als wichtigste Kaufbarriere für Biolebensmittel bewertet.² Steigende Lebenshaltungskosten könnten entsprechend dazu führen, dass Konsumentinnen und Konsumenten ihren Biokonsum reduzieren.
Bevölkerung will nachhaltig und gesund konsumieren – aber Preis hindert daran
Auch eine repräsentative Untersuchung von Deloitte Schweiz³ identifiziert die höheren Kosten nachhaltiger Lebensmittel als grösstes Hindernis für eine nachhaltigere Ernährung. Gleichzeitig messen viele Menschen dem Thema durchaus Bedeutung bei: 79 Prozent der Befragten gaben an, dass Nachhaltigkeitsaspekte ihre Ernährungsgewohnheiten zumindest teilweise beeinflussen. Eine weitere Deloitte-Erhebung aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 57 Prozent der Befragten sich künftig nachhaltiger ernähren möchten, beispielsweise durch weniger Fleisch oder den Kauf lokaler Produkte. Damit entsteht ein grundlegender Widerspruch: Viele Menschen wollen nachhaltiger konsumieren, gleichzeitig ist der Preis eine der entscheidenden Hürden dafür.
Der Preismonitor 2026 liefert neue Hinweise darauf, dass sich dieser Zielkonflikt bei zahlreichen untersuchten Lebensmitteln nicht entschärft. Der Grossteil der beobachteten Indikatoren haben sich verschlechtert. Die Entwicklung bei Kartoffeln und Karotten zeigt gleichzeitig, dass eine andere Entwicklung möglich ist.
AP30+: Detailhandel stärker in die Verantwortung nehmen
Die Ergebnisse fallen mitten in die politische Diskussion über die künftige Schweizer Agrarpolitik. Der Bundesrat hat am 2. September 2026 die Vernehmlassung zur Agrarpolitik 2030+ eröffnet. Ein Schwerpunkt der Vorlage ist die Nachhaltigkeit der gesamten Wertschöpfungskette. Der Bundesrat schlägt dazu unter anderem Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel sowie Massnahmen zur Sensibilisierung der Konsumentinnen und Konsumenten für eine ausgewogene Ernährung mit Schweizer Qualitätsprodukten vor.
Das Bundesamt für Landwirtschaft bezeichnet die Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel und die Stärkung der Markttransparenz ausdrücklich als neue Elemente der AP30+. Mit verbindlichen Zielvereinbarungen sollen Detailhändler ihre Verantwortung für eine nachhaltigere Wertschöpfungskette stärker wahrnehmen müssen.
Für Faire Märkte Schweiz liefert der Preismonitor 2026 damit aktuelle Evidenz für die laufende Debatte zur AP30+. Zielvereinbarungen sollten nicht allein darauf ausgerichtet sein, den Anteil von Labelprodukten zu erhöhen oder Konsumentinnen und Konsumenten stärker für nachhaltige Produkte zu sensibilisieren. Entscheidend ist auch, ob diese Produkte für breite Bevölkerungsschichten tatsächlich erschwinglich sind.
«Wer nachhaltige Ernährung fördern will, muss dafür sorgen, dass sie für die Bevölkerung erschwinglich ist», sagt FMS-Geschäftsführerin Stéphanie Lichtsteiner. «Die geplanten Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel müssen deshalb auch daran gemessen werden.»
| Der Preismonitor von Faire Märkte Schweiz und der Fachhochschule Nordwestschweiz untersucht regelmässig die Preisrelationen ausgewählter Lebensmittel in biologischer, IP-Suisse und konventioneller Produktion. Zum Preismonitor hier. |



