Recht auf Nahrung, Gemeinsam für lebendige Regionen und mehr: Monatsbericht Oktober
Die Migros will ihre zehn regionalen Genossenschaften und den Genossenschafts-Bund zu einer Gruppengenossenschaft zusammenführen. Für Faire Märkte Schweiz ist entscheidend, was die Bündelung des Einkaufs für Produzierende, Zulieferer und Konsumierende bedeutet. Mehr Beschaffungsmacht birgt Risiken: wachsende Abhängigkeiten, weniger Ausweichmöglichkeiten und höherer Preisdruck. Es braucht transparente Bedingungen, faire Preise und geteilte Risiken.
Der nationale lokal+fair-Tag lädt die Bevölkerung jeweils im Herbst ein, lokale Einkaufsmöglichkeiten in ihrer direkten Umgebung zu entdecken. Der persönliche Austausch schafft Vertrauen und macht sichtbar, welche Vielfalt direkt vor unserer Haustür wächst und entsteht. Am 17. Oktober wurde diese Idee am Herbstmarkt in Wohlen bei Bern und an weiteren Anlässen erlebbar. Mit lokalen Spezialitäten, Begegnungen und gemeinsamen Aktionen zeigten die beteiligten Betriebe, wie sich Genuss, Gemeinschaft und ein sorgsamer Umgang mit Lebensmitteln verbinden lassen. Ein herzlicher Dank an alle, die mitgewirkt haben!
In diesem Newsletter erfahren Sie zudem, wie das Recht auf Nahrung praktisch umgesetzt werden kann, weshalb Gemüseproduzenten der Migros ihre Preise ein Jahr im Voraus offerieren müssen und welche Entwicklungen im Bereich Fairness und Transparenz die Herbstsession geprägt haben.
Im Fokus
Recht auf Nahrung: Selbstbestimmt essen, fair produzieren
Gesunde und nachhaltig produzierte Lebensmittel sollen für alle zugänglich sein. Gleichzeitig müssen die Menschen, die sie produzieren, verarbeiten und verkaufen, von ihrer Arbeit leben können. Wie lässt sich beides verbinden? Darüber diskutierte Faire Märkte Schweiz am Stakeholder-Workshop “Ein Recht auf Nahrung?” von FIAN Schweiz und One Planet Lab am 14. Oktober in Zürich.
Das Recht auf Nahrung geht über den Schutz vor Hunger hinaus. Es umfasst den verlässlichen Zugang zu ausreichender, gesunder, kulturell passender und selbst gewählter Nahrung. Selbstbestimmung und Würde stehen dabei ebenso im Zentrum wie faire Produktionsbedingungen.
Wie das praktisch aussehen kann, zeigt die Genfer Ernährungskasse CALIM. Im Pilotprojekt zahlen Mitglieder entsprechend ihren finanziellen Möglichkeiten monatlich mindestens 20 Franken ein. Alle erhalten ein Einkaufsguthaben von 150 Franken in der virtuellen Währung “Radieschen”. Eingekauft wird in von einem Bürgerkomitee ausgewählten Verkaufsstellen, mit Fokus auf saisonale Produkte, kurze Lieferketten und Agrarökologie. Die Mitglieder gestalten das Projekt aktiv mit.
Für FMS gehören bezahlbare Ernährung und faire Einkommen entlang der Wertschöpfungskette zusammen. Ernährungskassen können beides fördern und die lokale Wertschöpfung stärken. Auch in Zürich werden eine solche Kasse und die Verankerung des Rechts auf Nahrung in der Kantonsverfassung diskutiert. Ein Netzwerk soll die weitere Entwicklung voranbringen.
Mehr dazu im Blogbeitrag.
Kurzmeldungen
Nationaler lokal+fair-Tag 2026: Gemeinsam für lebendige Regionen
Lokale Produkte entdecken, Kontakte knüpfen und gemeinsam etwas bewegen: Der nationale lokal+fair-Tag am 17. Oktober zeigte die Vielfalt und das Engagement lokaler Lebensmittelnetzwerke.
Neben dem Hauptevent am Herbstmarkt in Wohlen bei Bern fanden verschiedene weitere Anlässe statt. Zwei Beispiele: Im Zwibol in Wädenswil wurden lokale Produkte degustiert. Am SMäRT in Stäfa verbanden Food-Waste-Rettung, Gemeinschafts- und Nachhaltigkeitsstände Genuss mit Engagement. Beide Anlässe fanden auch mediale Beachtung: Über den Zwibol berichtete der Schweizer Bauer, über den SMäRT der Tages-Anzeiger.
In Wohlen und Stäfa war auch die VERD Purpose Genossenschaft vertreten, die sich gemeinsam mit Faire Märkte Schweiz für einen starken lokalen Handel und lebendiges Gewerbe einsetzt. Wer mit der VERD.cash Karte bezahlt, lenkt die Hälfte der damit erzielten Kartentransaktionsgebühren in den Gemeindetopf seines Wohnortes, über dessen Verwendung die Einwohnerinnen und Einwohner direkt bestimmen können. Während VERD so lokale Projekte finanziell unterstützt und mit der kostengünstigen Bezahllösung VERD.cash Betriebe entlastet, stärkt lokal+fair die Vernetzung vor Ort und hält Wertschöpfung in der Region.
Gemüsepreise: Risiken fair verteilen statt ein Jahr im Voraus fixieren
Was die Gemüseproduktion nächstes Jahr kostet, ist heute kaum absehbar. Dennoch mussten Betriebe bei Ausschreibungen verschiedener Migros-Genossenschaften bereits Preise für die Saison 2027 zusagen. Wetter, Hitze, Krankheiten und Schädlinge können Erntemengen und Kosten stark verändern.
Faire Märkte Schweiz (FMS) kritisiert, dass die Produktionsrisiken damit weitgehend bei den Produzierenden liegen. Das Verfahren betrifft zunehmend auch Frischgemüse wie Tomaten und Gurken. Die Abhängigkeit von grossen Abnehmern und fehlende längerfristige Abnahmegarantien erhöhen den Druck, möglichst günstig zu offerieren. Überregionale Händler, die ebenfalls mitbieten, verschärfen den Preiswettbewerb zusätzlich.
FMS fordert deshalb, auf jährliche Fixpreis-Ausschreibungen für Gemüse zu verzichten und Preise höchstens wenige Wochen im Voraus festzulegen. Faire Preisbildung braucht verlässliche Grundlagen zu Produktionskosten und erwarteten Erträgen sowie eine ausgewogene Verteilung der Risiken: https://fairemaerkteschweiz.ch/keine-gemuse-produzentenpreise-ein-jahr-im-voraus/
Herbstsession im Bundeshaus: Zentrale Punkte aus Sicht FMS
Mercosur-Freihandelsabkommen: Nachdem der Ständerat mit mehreren flankierende Massnahmen zugunsten der Landwirtschaft und einer halbe Milliarde Franken zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe einen Kompromiss vorgeschlagen hat, stimmte der Nationalrat dem Freihandelsabkommen zu (26.033). Gegen das Abkommen wurde das Referendum ergriffen. Damit liegt der endgültige Entscheid beim Volk. Für FMS wird die entscheidende Frage sein, ob und wie stark die inländischen Märkte wegen der zusätzlichen Kontingente unter Druck kommen werden. Ebenso kritisiert FMS, dass im neuen Abkommen keine griffigen Massnahmen im Nachhaltigkeitsbereich enthalten sind (z.B. Bekämpfung der Entwaldung in Amazonasregion) und keine Sanktionsmöglichkeiten bestehen.
Debatte zum Getreidemarkt: Bereits am ersten Sessionstag befasste sich der Ständerat mit dem Getreidemarkt. Mit einem Gesuch nach dem Öffentlichkeitsgesetz (Medienmitteilung FMS) hat FMS mehr Transparenz zu den Importen von Halbfabrikaten verlangt, die den inländischen Getreidemarkt aus dem Gleichgewicht bringen. Das zuständige Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) lehnte das Gesuch jedoch ab. FMS setzt nun auf den Vorstoss von Nationalrat Rüegsegger (BE). Dieser verlangt vom Bundesrat, die Transparenz über bestehende Import- und Lieferantenabhängigkeiten zu verbessern (26.4610). FMS erhofft sich davon die nötige Grundlage, um die Entwicklungen im Getreidemarkt besser beurteilen zu können.
lokal+fair-Betrieb: Prominenter Besuch zur Eröffnung von Dorignol 2.0
Regional einkaufen – jetzt auch in Selbstbedienung: Die Genossenschaft Dorignol feierte am 24. September 2026 in Lorignol VD die Eröffnung ihres erweiterten Ladenkonzepts Dorignol 2.0.
Seit 2018 bringt die Genossenschaft Produkte aus der Gemeinde und der Region ins Regal. Über dreissig Produzentinnen, Produzenten und Verarbeitungsbetriebe bieten hier ihre Erzeugnisse an. Mit dem neuen Konzept wird das Einkaufen noch flexibler: Ergänzend zu den elf bedienten Stunden pro Woche steht der Laden täglich von 6 bis 21 Uhr zur Selbstbedienung offen.
Zur feierlichen Einweihung kam auch die Waadtländer Staatsrätin Valérie Dittli. Ihre Teilnahme unterstreicht die Bedeutung kurzer Lieferketten – der “circuits courts” – im Kanton Waadt. Sie stärken die regionale Wertschöpfung und verbinden die Menschen vor Ort mit den Betrieben, die ihre Lebensmittel herstellen.
Als Partnerorganisation von Dorignol war auch Faire Märkte Schweiz zur Eröffnung eingeladen.
Mehr über Dorignol auf dorignol.ch und unter lokalundfair.ch


Bild links: Waadtländer Staatsrätin Valérie Dittli
Bild rechts: Präsidentin Dorignol: Noémie Baumberger
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