Faire Märkte Schweiz fordert: Keine Gemüse-Produzentenpreise ein Jahr im Voraus festlegen
Migros soll Produzentenpreise für Gemüse nicht ein Jahr im Voraus festlegen dürfen: Das fordert die Fairness- und Transparenzorganisation Faire Märkte Schweiz (FMS). Denn Wetter, extreme Hitze, Krankheiten und Schädlinge beeinflussen die Produktionsbedingungen und damit auch die Kosten. Laut FMS dürfen diese Risiken nicht alleine von den Produzenten getragen werden, und die zentralen Kosten müssen bei der Preisfixierung bekannt sein. Angesichts der aktuell geplanten Fusion der Genossenschaften ist das umso wichtiger: Mehr Einkaufsmacht kann Abhängigkeiten und Preisdruck verstärken sowie Ausweichmöglichkeiten einschränken.
«Die Erträge für das Produkt und die Produktionskosten müssen bei der Preisfixierung bekannt sein: Nur dann ist eine faire Preisbildung gewährleistet », sagt FMS-Präsident Stefan Flückiger. «Bei stark volatilen und wetterabhängigen Produktionsbedingungen können die Produzentenpreise somit erst maximal ein paar Wochen im Voraus festgelegt werden.»
In verschiedenen Migros-Genossenschaften fanden in den vergangenen Monaten Fixpreis-Ausschreibungen für die Gemüseernte der Saison 2027 statt. Damit mussten sich Gemüseproduzentinnen und -produzenten bereits heute Verkaufspreise festlegen, ohne ihre tatsächlichen Produktionskosten und Erntemengen für die kommende Saison zu kennen.
Angesichts der diesjährigen Wetterextreme zeigte sich die Migros zwischenzeitlich offen für Gespräche und setzte vorübergehend die im Vorjahr bei den Ausschreibungen fixierten Preise aus. Bei der darauffolgenden Vergaberunde für die Saison 2027 kehrte sie jedoch zum bisherigen Vorgehen zurück.
Zunehmender Preisdruck für Gemüseproduzenten
Bei Lagergemüse wie Zwiebeln, Kabis und Randen arbeitet die Migros bereits seit Jahren mit jährlichen Fixpreis-Ausschreibungen. Inzwischen wird dieses Verfahren zunehmend auch bei Frischgemüse wie Tomaten und Gurken angewendet. Während frühere Fixpreisvereinbarungen meist einzelne Produkte betrafen und den Betrieben über mehrere Jahre Planungssicherheit boten, werden die Aufträge heute regelmässig neu ausgeschrieben, womit für Produzenten kurzfristig grosse wirtschaftliche Risiken entstehen. Nach Einschätzung von FMS nutzt Migros dabei ihre marktbeherrschende Stellung auf den betroffenen Beschaffungsmärkten, um wirtschaftlich abhängigen Produzenten eine frühzeitige verbindliche Preisfestlegung aufzuzwingen.
Häufig keine längerfristige Abnahmegarantie
Produzenten müssen langfristig planen und haben nach einem Zuschlag zum Beispiel hohe Investitionen in spezialisierte Maschinen und Produktionsverfahren zu tätigen. Eine längerfristige Abnahmegarantie besteht jedoch häufig nicht. Um bei der nächsten Ausschreibung erneut berücksichtigt zu werden und ihre Investitionen auszulasten, stehen die Betriebe unter Druck: Weil die Migros in der Regel ihr grösster Abnehmer ist, sind sie gezwungen, zu Tiefstpreisen zu offerieren. Gemäss FMS-Präsident Flückiger entsteht dadurch die paradoxe Situation: «Wer gemäss seinen Produktionskosten rechnet und entsprechend eingibt, verliert den Auftrag!»
Aus Sicht von FMS führt dieses Verfahren zu einem Preiswettbewerb, bei dem nicht die tatsächlichen Produktionskosten, sondern das tiefste Angebot über den Zuschlag entscheidet. Hinzu kommt, dass neben den produzierenden Betrieben auch grosse, überregional tätige Händler an den Ausschreibungen teilnehmen können. Diese können ihre Preise anders kalkulieren und die Ware teilweise erst nach der Vergabe bei den Produzenten beschaffen.
Ungleiche Verhandlungsbedingungen
FMS kritisiert die ungleichen Verhandlungsbedingungen zwischen dem Handel und den landwirtschaftlichen Betrieben. Grosse Abnehmer legen die Ausschreibungsbedingungen fest und erzwingen mit den Fixpreis-Ausschreibungen unangemessene Preise. Die Produzenten sind auf die relevanten Abnehmern angewiesen und besitzen zum Zeitpunkt der Ausschreibungen nicht die notwendigen Informationen. Gleichzeitig verunmöglicht das Wettbewerbsrecht gemeinsame Preis- und Mengenabsprachen unter den Produzenten. Fehlen zumutbare Ausweichmöglichkeiten und angemessene Preisanpassungsklauseln, besteht der Verdacht, dass Migros unangemessene Geschäftsbedingungen durchsetzt und Ernte- und Kostenrisiken einseitig auf die Produzenten überwälzt.
Die Gemüse-Produzentenorganisation VSGP schätzt Fixpreis-Ausschreibungen ebenfalls als problematisch ein und hat die Produzenten in einem Schreiben aufgerufen, keine Angebote einzureichen. Wegen den Abhängigkeiten wurde dieser Aufruf hingegen kaum befolgt.
Dass es auch anders geht, zeigt laut FMS der Bio-Gemüsemarkt, in dem jährliche Fixpreis-Ausschreibungen nicht üblich sind. Auch andere grosse Detailhändler wie Coop setzen gemäss FMS nicht auf vergleichbare jährliche Ausschreibungen für Gemüse.
FMS fordert deshalb, auf jährliche Fixpreis-Ausschreibungen für Gemüse zu verzichten und die Preisfestlegung auf einen Zeitraum von höchstens mehreren Wochen im Voraus zu beschränken.
| Problematik Fixpreis-Ausschreibungen 1. Keine faire Preisbildung: Wer gemäss seinen Produktionskosten kalkuliert und einen entsprechenden Preis eingibt, verliert den Auftrag, weil andere günstiger anbieten. 2. Abhängigkeit: Für viele Gemüseproduzenten ist Migros ein wichtiger Absatzkanal. Wer nicht mitbietet, riskiert, den Auftrag zu verlieren. FMS kritisiert, dass Migros ihre starke Marktposition bei den Ausschreibungen ausnutzen kann. 3. Ungleiche Verhandlungsbedingungen: Produzenten haben gegenüber grossen Abnehmern Informationsnachteile. Gleichzeitig dürfen sie sich aufgrund wettbewerbsrechtlicher Vorgaben nicht über Preise und Mengen absprechen. 4. Abwärtsspirale bei den Preisen: Wer am günstigsten offeriert, erhält den Zuschlag. Bei jeder neuen Ausschreibung steigt damit der Druck, noch tiefere Preise anzubieten. Und das, obwohl die Produzenten ihre tatsächlichen Kosten und Erträge noch gar nicht kennen. 5. Konkurrenz durch grosse Händler: Auch überregional tätige Händler können mitbieten, obwohl sie die Ware teilweise noch gar nicht beschafft haben. Sie müssen diese später möglichst günstig bei den Produzenten einkaufen. Das erhöht den Preisdruck zusätzlich. |



