Offener Brief an die Anbieter und Verarbeiter von IPS-Wiesenmilch

An: Emmi AG, Elsa Group SA, Cremo SA, Nestlé Suisse SA, Züger Frischkäse AG, Migros-Genossenschafts-Bund, Coop Genossenschaft, Denner AG

Kopie: Bundesamt für Landwirtschaft

Zürich / Lausanne, März 2024

Schlechtere Entschädigung für nachhaltig erzeugte Milch mit klar definiertem Mehrnutzen für das Tierwohl, die Umwelt und die Biodiversität an Milchproduzenten als konventionell erzeugte Milch – was läuft falsch im Milchmarkt ?

Sehr geehrte Damen und Herren

Faire Märkte Schweiz (FMS) setzt sich für faire und transparente Agrar- und Foodmärkte ein. Aufgrund der erstmaligen Publikation der Produzentenpreise für IP-SUISSE Wiesenmilch durch das Bundesamt für Landwirtschaft (www.agrarmarktdaten.ch) haben wir die publizierten Daten analysiert und sind bei den Preisen für die nachhaltige Milch mit Umwelt- und Tierwohlmehrwerten auf besorgniserregende Erkenntnisse gestossen. 

Wir haben die Produzentenpreise von Bio-Milch und IPS-Wiesenmilch mit dem durchschnittlichen Preis für konventionelle A-Milch verglichen (es werden praktisch keine B-Produkte mit Wiesenmilch hergestellt):

  • Wiesenmilch unter A-Milchpreis: Seit der Erhebung im März 2022 liegen die Produzentenpreise für die IP-Suisse Wiesenmilch nur in wenigen Zeitabschnitten knapp darüber, im Durchschnitt jedoch mit 0.3 Rappen unter dem Preis für konventionelle A-Milch (vgl. Abbildungen 1 im Anhang). Erstaunlich ist auch der grosse Abstand gegenüber der Bio-Milch, die durchschnittlich um 13.8 Rp./kg über dem Wiesenmilchpreis liegt.
  • Mehrwerte nicht entschädigt: Aus diesen Preisverhältnissen lässt sich die Abgeltung der Mehrwerte für die Milchproduzenten ablesen. Die Zahlen zeigen, dass die Produzenten für die Erzeugung von Umwelt- und Tierwohlmehrwerten bei der Wiesenmilch von Ihnen als Abnehmer nicht entsprechend entschädigt, sondern «abgestraft» werden. Wir schliessen daraus, dass Sie als Abnehmer keine weiteren Bestrebungen im Bereich Nachhaltigkeit wünschen und den Wandel hin zu nachhaltigen und fairen Ernährungssystemen bewusst unterbinden wollen.
  • Nachhaltigkeit zum Nulltarif: Besonders stossend ist, dass im Laden gerade umgekehrte Preisverhältnisse gelten. Die konventionelle Milch wird zu deutlich tieferen Preisen angeboten (Bsp. Coop Past 1.35/kg im Vergleich zur IP-Suisse UHT 1.60/kg von Migros und Coop). Dies bestätigt unsere Hypothese, dass Sie bei Label- und Bioprodukten bewusst überhöhte Preise fixieren oder aber – was immer häufiger beobachtet werden kann – die Nachhaltigkeit zum Nulltarif einkaufen wollen. D.h. konventionelle Produkte werden durch ein höherwertiges nachhaltiges Produkt ohne Mehrpreis ersetzt.
  • Einseitige Verteilung der Wertschöpfung: Nicht nur die Preissituation, sondern auch die Verteilung der Wertschöpfung entlang der Wertschöpfungskette lässt aufhorchen. Die Milchproduzenten können Ihnen als marktführende und preisbestimmende Abnehmer ihre Mehrkosten und Mehrleistungen nicht weiterreichen, was mit der immer schwächeren Verhandlungsposition der Bauern gegenüber Ihnen als Abnehmern erklärt werden kann. Die Milchproduzenten erhielten für das nachhaltige Produkt im ausgewiesenen Zeitraum zwischen 69 und 82 Rp./kg (vgl. Abbildung 2 im Anhang). Der grössere Wertschöpfungsanteil fällt somit in den nachgelagerten Stufen und im Detailhandel an, wo kaum zusätzliche Nachhaltigkeitsmehrleistungen generiert werden (aktueller Verkaufspreise in Migros/Coop IP-Suisse UHT 1.60/kg).

Wir nehmen zur Kenntnis, dass die Wiesenmilch im Markt bei den Konsumentinnen und Konsumenten gut ankommt und für die in der Landwirtschaft erzielte Mehrleistungen eine grosse Nachfrage besteht. Die Absatzmengen steigen stark an (2023: vermarktet 300 Mio. kg). Damit im Milchmarkt ein förderlicher Wettbewerb im Interesse aller Akteure praktiziert und faire Preisrelationen zwischen konventionellen und nachhaltigen Produkten ermöglicht werden, bitte wir Sie als zentrale Akteure im Milchmarkt, uns folgende Frage zu beantworten:

Was läuft falsch im Milchmarkt, und wie können diese Markt- und Preisverzerrungen erklärt bzw. aus Ihrer Sicht korrigiert werden? 

In diesem Zusammenhang richten wir folgende Forderungen an die Akteure und den Regulator: 

  • Abnehmer/Verarbeiter: Sie als marktführende Abnehmer und Grossverteiler haben eine Verantwortung. Es genügt nicht, die Nachhaltigkeitsversprechen zu den Konsumentinnen und Konsumenten zu tragen und eine entsprechende Nachfrage zu generieren. Sie stehen ebenso in der Pflicht, den Produzenten den benötigten Mehrpreis aufwandgerecht zu entschädigen und sich beim Absatz zu engagieren. Die Nachhaltigkeit mit den entsprechenden Zusatzleistungen in Ökologie und Tierwohl können die Milchwirtschaftsbetriebe nicht zum Nulltarif erbringen. 

Eine Erhöhung der Produzentenpreise für IP-Suisse Wiesenmilch steht für uns kurz- und mittelfristig im Vordergrund, was auch den effektiven Mehrwerten dieses hochwertigen Produkts entsprechen würde.

  • Agrarpolitik/Bund: Die oben aufgeführte Problemstellung bestätigt, dass die Märkte in vielen Bereichen der Land- und Ernährungswirtschaft sehr unvollständig funktionieren. Dies insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit, weil der Markt nicht in der Lage ist, die Aspekte der Kostenwahrheit abzubilden. Im Rahmen der Agrarpolitik sind also Rahmenbedingungen zu schaffen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette mehr Transparenz sicherstellen, die richtigen Anreize setzen und eine faire Abgeltung der Bäuerinnen und Bauern für ihre Produkte und Mehrleistungen garantieren.

Als Sofortmassnahme sind beim lancierten Datenportal die Produzentenpreise für IP-Suisse Wiesenmilch im Vergleich zu denen von A-Milch deutlich auszuweisen (Vergleich heute mit Mischpreis A-/B-Milch). In einem weiteren Schritt sind im Rahmen der Debatte zur zukünftigen Ausrichtung der Agrarpolitik die Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen.

Wir möchten Sie bitten, uns Ihre Pläne mitzuteilen, wie dieser Systemfehler im Milchmarkt behoben werden kann.

Mit freundlichen Grüssen

Dr. Stefan Flückiger, Präsident

Werner Locher, Vorstandsmitglied, Verantwortlicher  Landwirtschaft


Anhang:

Abbildung 1: Produzentenpreisentwicklung seit März 2022 mit der Preisdifferenz zur A-Milch
(Quelle: BLW Fachbereich Marktanalysen)

Abbildung 2: Produzentenpreisentwicklung seit März 2022 der verschiedenen Milcharten
(Quelle: BLW Fachbereich Marktanalysen)


Folgen:

Weitere Beiträge

Migros-Skonto kostet Früchte- und Gemüseproduzenten 12 Millionen Franken pro Jahr: Anzeige eingereicht 

Schweizer Früchte- und Gemüseproduzenten verlieren nach Berechnungen von Faire Märkte Schweiz (FMS) jährlich rund CHF 12 Millionen durch das sogenannte Migros-Skonto-Regime. Dabei zieht Migros den Lieferanten pauschal 3 Prozent auf den Warenwert ab. FMS hat deshalb bei der Wettbewerbskommission (WEKO) Anzeige wegen des Verdachts auf Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung eingereicht. 

a woman walking through a market filled with lots of food

Preisüberwacher bestätigt strukturelle Probleme im Lebensmittelhandel – dringender Handlungsbedarf besteht

Der Verein Faire Märkte Schweiz (FMS) ist zeigt sich erstaunt, dass der Preisüberwacher diese Woche bekannt gab, seine Marktbeobachtung zum Schweizer Lebensmitteldetailhandel abzuschliessen. Denn der Bericht bestätigt gerade jene strukturellen Probleme, vor denen FMS seit mehreren Jahren warnt: Eine hohe Marktkonzentration, die anhaltende Dominanz von Coop und Migros, sowie die Möglichkeit von missbräuchlichem Verhalten aufgrund deren marktbeherrschenden Stellung.

Goliath gegen FMS, Start lokal+fair und Fokus Romandie: FMS-Monatsbericht April

Unter dem Titel “Goliath gegen FMS” berichten wir im Fokus über den Einschüchterungsversuch des global führenden Agrarunternehmens Syngenta. Der Basler Agrochemie-Konzern, der vor zehn Jahren von der chinesische ChemChina gekauft wurde, droht FMS mit juristischen Schritten. Sachlich begründete Transparenzarbeit ist nicht erwünscht! Unter den Kurzmeldungen berichten wir über viel Erfreuliches, wie z.B. über die neue Video-Kampagne in der Westschweiz, den Kampagnenstart von lokal+fair 2026 und die Partnerschaft mit dem erfolgreichen Unternehmen La Petite Epicerie. 

Goliath gegen FMS: Syngenta droht Transparenzorganisation mit Klage – weil sie als «marktmächtig» bezeichnet wird

Der Grosskonzern Syngenta fordert von der NGO Faire Märkte Schweiz (FMS), seinen Firmennamen aus wissenschaftlich belegten Marktanalysen zu entfernen. Das Kernproblem: Syngenta will nicht als «marktmächtige Unternehmung» bezeichnet werden – obwohl das Unternehmen auf seiner eigenen Website stolz verkündet, ein «global führendes Agrarunternehmen» zu sein. FMS wertet dies als Versuch, sachlich begründete Transparenzarbeit durch juristische Drohungen zu unterbinden.