Monatsbericht Juni

Migros und Coop lenken ein, zumindest bei der Milch! Faire Märkte Schweiz musste lange gegen die Schlechterstellung nachhaltig erzeugter Produkte beim Preis kämpfen. Die Frage, die die NZZ am Sonntag in ihrer Berichterstattung gestellt hat: «Haben sie uns davor etwa abgezockt?» kann nun mit einem klaren JA beantwortet werden. Lesen Sie weiter bei den Kurzmeldungen.

Das Fokusthema widmen wir dem Projekt «lokal+fair», das insbesondere über den Sommer und Anfang Herbst aktiv ist, mit dem die Direktvermarktung und der Absatz über kurze Vertriebswege gefördert werden. Damit soll ein Anstoss gegeben werden, dass die Wertschöpfung fairer verteilt wird und möglichst viel vom Konsumentenfranken bei den lokalen Betrieben bleibt. In den Kurzmeldungen informieren wir über zwei neue politische Vorstösse, machen ein Update zum Preisdrückerei-Ticker und stellen eine Forschungsarbeit der Uni Zürich vor. Neu wird sein, dass wir inskünftig jeweils einen lokal+fair-Betrieb im Newsletter ins Schaufenster stellen werden.


Im Fokus

Mit lokal+fair die lokalen und regionalen Absatzmärkte in den Mittelpunkt stellen

Mit dem von Faire Märkte Schweiz lancierten Projekt lokal+fair strebt der FMS einen ganz konkreten Beitrag zur Transformation hin zu fairen Märkten an. lokal+fair stellt die lokalen und regionalen Absatzmärkte in den Mittelpunkt. Der lokale Verbund von Produzentinnen und Produzenten, Verarbeitenden und lokalem Handel wird gestärkt, so dass sie auf ihren «Heimmärkten» ihre Stärken ausspielen können. Sie kooperieren bestmöglich miteinander, mit dem gleichen Ziel: gemeinsam diese Märkte zu beliefern und möglichst hohe Wertschöpfungsanteile zu erreichen. lokal+fair integriert neben Landwirtschaftsbetrieben und Gewerbe auch die Gemeinden: Diese können ihre Rolle als Enabler von lokalen Netzwerkaktivitäten wahrnehmen und werden motiviert, etwa bei Veranstaltungen oder eigenen Verpflegungsbetrieben lokale Produzierende zu bevorzugen oder Wochen-Märkte zu organisieren.

Schlüssel zu mehr lokalem Konsum ist das Bewusstsein und das Interesse der Bevölkerung. Nur wer weiss, warum sich der Einkauf beim Bauern oder dem lokalen Betrieb lohnt, wird auf einer Plattform oder im eigenen Umfeld vor Ort nach Hofläden oder Betrieben suchen. Spezifikum von lokal+fair ist daher die starke Information und Sensibilisierung über die Bedeutung und Möglichkeiten von lokalem und fairem Konsum. Wir zeigen: Von lokalen Lebensmitteln profitieren auch und vor allem die Konsumierenden und die Menschen vor Ort! Mit lokal+fair soll somit durch die Eigenaktivitäten ein Beitrag geleistet werden zu bestehenden Initiativen. Gleichzeitig erhalten diese zusätzliche Vernetzung und noch stärkere Präsenz. Und am nationalen Direktvermarktungstag am 14. September öffnen Höfe und -Läden Tür und Tor für die Begegnung mit der Bevölkerung. 2024 ist lokal+fair ein Pilotprojekt in ausgewählten Gemeinden. Zum Mitmachen: www.lokalundfair.ch.  

Kurzmeldungen

Endlich attraktivere Preise bei Bioprodukten, zumindest bei der Biomilch

Bei der Aktualisierung des Preismonitors blitzten die Kritikpunkte bei den beiden orangen Riesen noch ab. Die Forschungsergebnisse der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) waren aber eindeutig: «Die Preisschere zwischen Bio- und konventionellen Produkten bei den beiden Grossverteilern Migros und Coop bleibt bestehen und hat sich bei einigen Produkten sogar noch vergrössert». Das wirkte sich auch auf den Produzentenanteil der Biobauern aus, die im Durchschnitt nur 33 Prozent vom Ladenpreis erhalten, bei den konventionellen Produkten liegt der Wert hingegen bei 41 Prozent. Die erstmalige Publikation der Biopreise von Aldi und Lidl im Preismonitor hat den Druck nochmals erhöht (s. Blogbeitrag hier).

Nun also doch! Bei Migros hat der Preis für Biomilch pasteurisiert um 10 Rp auf 1.85 Franken pro Liter und Coop um 5 Rp auf 1.90 abgeschlagen, und dies ohne Preisdruck bei den Produzentenpreise. Nun muss dieser Schritt bei weiteren Bioprodukten stattfinden, nicht nur bei der Milch (s.auch den Blogbeitrag; Neue Zürcher Zeitung NZZ vom 5. Juni hier und vom 1. Juni hier).

Über politische Rahmenbedingungen das System verbessern

Unfaire Handelspraktiken werden häufig durch Intransparenz ermöglicht (vgl. auch Monatsbericht Mai «Unsere Interventionen lohnen sich»).

Das Thema Preistransparenz gewinnt mit zwei neuen politischen Vorstössen an Schwung und Relevanz. Der Berner Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger will mit seiner Motion 24.3706 «Transparenz beim Produzentenanteil am Verkaufspreis von landwirtschaftlichen Produkten fördern» die Endverkäufer verpflichten, bei landwirtschaftlichen Produkten den Produzentenanteil am Verkaufspreis aufzuzeigen.

Dies ist ein Meilenstein für eine faire Preisbildung und gerechte Abgeltung für die Bäuerinnen und Bauern. Denn: Bei den heute praktizierten Preisfestsetzungsmethoden spiegelt der Preis immer weniger die tatsächlichen Produktionskosten wider (mehr im Blogbeitrag oder in der Berichterstattung auf LinkedIn).

In diesem Zusammenhang unterstützt Faire Märkte Schweiz auch das von Nationalrat Martin Haab (SVP Zürich) eingereichte Postulat mit dem Titel «Richtpreise repräsentieren nicht die effektiv bezahlten Preise ab Hof». Die Differenzen zwischen den ausgehandelten Richtpreisen und den effektiv ausbezahlten Milchpreisen nimmt immer mehr zu und beträgt gemäss FMS-Recherche bis zu 21.8 Rp pro kg.

Update zum Preisdrückerei -Ticker

Über unsere Meldestelle oder Direktkontakte bekommen wir immer wieder Beispiele von unfairen Handelspraktiken übermittelt, die dann von FMS analysiert und bestätigt werden. FMS trägt solche Beispiele von einseitigen «Preisdrückereien» marktmächtiger Unternehmungen auf seiner Preisticker-Liste zusammen. In einem Jahr sind es beinahe zehn Beispiele, wo die marktmächtigen Abnehmer ihre Muskeln einseitig ausgespielt und die Produzentenpreise nach unten gedrückt haben. Neuerdings war dies bei den Preisverhandlungen für Biobrotgetreide der Fall, wo diese nicht auf die berechtigten Preisforderungen der Biobauern eingegangen waren. In einem Beispiel konnte eine erfreuliche Preisreduktion vermeldet werden, indem die Grossverteiler bei Biomilch endlich die hohen Preisdifferenzen zu den konventionellen Produkten reduziert haben.

Forschung zur Arbeit für Faire Märkte

An der Universität Zürich sind in den letzten Jahren verschiedene Arbeiten zum Konsum fair gehandelter Produkte entstanden. Eine davon ist die Doktorarbeit von Dr. Georg Sunderer. In seiner Arbeit fokussiert er auf ‘klassische’ fair gehandelte Produkte aus dem globalen Süden. In seinem Interview bezieht er sich auch auf fair gehandelte Produkte aus dem Norden, auf die sich Faire Märkte Schweiz konzentriert. Für eine stärkere Verbreitung von fair gehandelten Produkten aus dem Norden sei es wichtig, faire Alternativen aktiv ins Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten zu bringen, z. B. durch Kampagnen, Öffentlichkeits- und Forschungsarbeiten. Faire Märkte Schweiz (FMS) sei in dieser Hinsicht bereits aktiv und setze die richtigen Impulse. Zum Beitrag’ Entwicklung & Herausforderungen im Markt für fair gehandelte Produkte – FMS im Gespräch mit dem Soziologen Georg Sunderer’ hier.

FMS publiziert immer wieder Expertenbeiträge zum Thema Fairness. Weitere Gastbeiträge sind willkommen.

Stellenausschreibung

Die Arbeit in den letzten 12 Monaten hat gezeigt: Der Handlungsbedarf für mehr Transparenz, eine gerechtere Preisgestaltung und die Transformation hin zu nachhaltigeren Märkten ist enorm, und die Handlungsfelder, in denen der FMS tätig sein kann, sehr gross. Um diesem Handlungsbedarf zu begegnen, soll der FMS seine Arbeit weiter stärken, unter anderem mit einer Co-Geschäftsleitung / Projektleitung. Noch bis 30. Juni werden Bewerbungen entgegengenommen. Mehr Informationen: www.kampajobs.ch/job/co-geschaeftsleiter-projektleiter-40-60 oder hier.

Von der Weide in den Laden: Weideschlachtungpionier wird lokal+fair-Betrieb

Wenn Gault Millau einem Hof einen ganzen Artikel widmet und sogar der ehemalige Stadtpräsident von Zürich, Elmar Ledergerber, zur Eröffnung einer Metzgerei erscheint, muss es definitiv ein aussergewöhnlicher Betrieb sein: Nils Müller, Pionier der Weidetötung, hat sich weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht und ist neu als lokal+fair-Betrieb auch beim Projekt von Faire Märkte Schweiz dabei.

Das Konzept ist neu und innovativ: Im ‘Chalte Brunne’ im Niederdorf in der Zürcher Innenstadt kommt nur Fleisch aus Hof- und Weidetötung in den Verkauf – direkt von Müllers Biohof ‘Zur Chalte Hose’ oder Partnerbetrieben aus der Region. Eine Kooperation, die zeigt, wie gewinnbringend die Zusammenarbeit von Bauernhöfen sein kann, wenn zusammen in Wanger’s Landmetzg lokal geschlachtet wird, was kurz davor noch auf der Weide stand und ein stressfreies Leben verbrachte.

Das wirkt sich nicht nur positiv auf das Wohlbefinden der Tiere aus, sondern auch auf die Fleischqualität –  und das schmeckt auch Kundinnen und Kunden. Zudem kann so der gesamte Prozess überwacht werden. Im neuen lokal+fair-Betrieb kann man nicht nur Fleisch kaufen, sondern sich auch kulinarisch verwöhnen lassen: Jeden Tag werden frische 72-Stunden-Sauerteig-Focaccias und Mittagsmenus angeboten. Ob Roastbeef-Focaccia mit Tartar-Sauce oder der bekannte Stadtmetzg-Burger mit Bachtelberger-Käse: Lokale, fair und tiergerecht hergestellte Produkte sprechen für sich in einer Zeit, in der Fastfood-Ketten und industrielle Produktion das kulinarische Angebot dominieren. Mit diesem Pionierkonzept stehen Nils Müller & Claudia Wanger und ihre Partnerbetriebe für Qualität und Nachhaltigkeit und als Pionierprojekt zur Stärkung der Direktvermarktung und dem Absatz mit kurzen Vertriebswegen. FMS-Präsident Stefan Flückiger war zu Besuch; sein Kurzbericht hier.

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Projekt-Kickoff, Agrar-Inputpreise & lokal+fair in Graubünden: FMS-Monatsbericht März 2025

Der FMS ist kürzlich darauf angesprochen worden, ob sich die Organisation mit ihren Aktivitäten vorwiegend auf die Preisdiskussion konzentriere. Die Preisdiskussion liegt tatsächlich Vielem zugrunde, was angegangen werden muss. Die übergeordnete Vision dagegen geht viel weiter: Wir wollen fairere und gerechtere Märkte schaffen und damit die Transformation hin zu nachhaltigeren Märkten ermöglichen. Dies bringen wir zum Beispiel mit dem Self-Check zum Ausdruck, mit dem Betriebe in der Agrar- und Lebensmittelbranche ihre Situation bezüglich Fairness mit Hilfe der Indikatoren Wettbewerb, Wertschöpfung, Transparenz, Liefervereinbarung, Bezahlung, Beschwerde beurteilen können. Und über den Preis müssen wir dabei natürlich auch reden.

Preiskampf im Fleischmarkt

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Monatsbericht Februar

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